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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring


„Lebendige Hoffnung“

Predigt über 1. Petrusbrief 1, 3- 9 zur Tunneleröffnung Oberneuland

Pastor Frank Mühring           Bremen, 3.4.2016

 

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.

 

Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Versuchungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.    1. Petrus 1,3-9

Liebe Gemeinde,

einen Tunnel müssen wir graben, um diesen Petrusbrief zu verstehen. Durch viel Schlamm und Erde muss man wühlen, bis wir am Ende das Licht sehen können. Aber nur so ist wohl das Evangelium zu haben. Es wird uns zwar von Gott geschenkt, kommt nicht ohne Anstrengung zu uns. Es gleicht einem Tunneldurchbruch. Man muss erst durch den Staub, bevor man zu den Sternen gelangt.

Als die Bauarbeiten für den neuen Tunnel am Bahnhof Oberneuland noch im Gang waren, habe ich mich mit einem der Arbeiter unterhalten. Ich wollte wissen, wie man das macht, einen Tunnel zu graben. Natürlich gibt es heutzutage gewaltige Bohrer, die sich durch das Erdreich winden. Aber es gibt in der Tiefe auch immer wieder Überraschungen. Erdschichten, die felsig sind und den Durchbruch erschweren. Grundwasser, das plötzlich irgendwoher hervorquillt, ist die größte Herausforderung. Der Mann schmunzelte und verwies auf ein altes Sprichwort des Tiefbaus: „Vor der Hacke ist es immer dunkel.“ Soll heißen: So ist das Leben. Immer voller Überraschungen. Du weißt nie, was vor dir liegt.

In gewisser Weise gleicht unser ganzes Leben einem Tunneldurchgang. Wir sehen niemals weiter als bis zu dem nächsten Schritt. Unser ganzer Lebensweg liegt im Dunkeln. Der Tunnel, das kann auch ein bestimmter Abschnitt auf unserem Lebensweg sein, der uns besonders schwierig, schmerzvoll und dunkel erscheint. Keiner von uns weiß, wann der Tunnel endet und wann wieder der nächste kommt.

*

Der erste Sonntag nach Ostern gleicht einem Tunnelfest. Der Durchbruch ist endlich geschafft! Die neue Straße auf die andere Seite ist begehbar und kann befahren werden. Ostern heißt: Wir sehen wieder Licht am Ende des Tunnels. Wir haben wieder Grund zur Hoffnung. Gott schenkt uns etwas, was unglaublich ist: Wir kommen auf die andere Seite. Wir waren wie tot, sind jetzt aber wieder lebendig. Wir waren wie vergraben in der Erde, jetzt aber geht es voran in eine neue Zukunft. Petrus nimmt uns mit auf diesen Weg durch den Tunnel. Am Karfreitag, da schien alle Hoffnung zu Ende zu sein. Jesus war am Kreuz gestorben. Die Bewegung seiner Nachfolger war empfindlich getroffen. Wie sollte es nur weitergehen? Es gab Auflösungserscheinungen. Auch Petrus, der Jesus verleugnet hat, tauchte unter.

Vor der Hacke ist es immer dunkel. Wenn du mitten in der Trauer bist, weißt du nicht, wie es weitergeht. Wenn du keinen Ausweg weißt und Sorgen dich auffressen, dann liegt es meist daran, dass du noch kein Licht am Ende des Tunnels sehen kannst. Nun aber ist der Weg freigeräumt, wir können auf die andere Seite gelangen.

So ist das auch mit Ostern. Erst die Erde. Jesus stirbt am Kreuz in großer Gottesfinsternis. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ sind nach Matthäus seine letzten Worte. Jesus muss durch den Tunnel des Todes – und nimmt mit sich auch unsere Wunden und Schmerzen. Aber am dritten Tag kommt das Licht von der anderen Seite. Gott hat seinen Sohn auferweckt. Er hat von der anderen Seite gegraben. Der Stein, der das Grab versperrte, ist zur Seite gerollt. Und das ist nicht nur mit Jesus als dem Sohn Gottes geschehen. Es ist auch zugleich der Stein, der für uns den Zugang zum neuen Leben verhinderte. Der Weg ist nun frei, der Himmel ist wieder zu sehen. Der Tod ist besiegt. Das Licht von Ostern fällt auch auf uns! Wer nach langer Zeit unter der Erde das Licht wieder sieht, dessen erste Reaktion wird Dankbarkeit sein. Gott sei Dank!

Petrus sagt es so: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

*

Wiedergeboren sein. Lebendige Hoffnung haben. Petrus wendet sich an Menschen, die gerade eine Tunnelerfahrung gemacht haben. Die ihr altes Leben zurück gelassen haben und in ein neues Leben gegangen sind. Im Glauben ist das möglich, sagt Petrus. Noch einmal neu anfangen, egal wie alt man ist. Noch einmal mutig eine Aufgabe anpacken, auch wenn man oft gescheitert ist. Alles ist möglich dem, der da glaubt. Martin Luthers Tunnelerfahrung fand an dem Tag statt, als er sich 1521 in Worms vor Kaiser und Reich verantworten musste für seine freie Auslegung des Evangeliums. Als sein Leben in Gefahr war. Die gesamte damalige Öffentlichkeit blickte auf ihn. Und als Luther seine Aussage gemacht hatte, jubelte er erleichtert auf und sagte: „Ich bin hindurch!“

Durch den Tunnel zu müssen vom Tod zum Leben, diesen Weg gehen wir Menschen immer wieder. Für Petrus sind das Versuchungen, die auf uns lauern. Sie wollen uns töten, in der Erde festnageln. Die Versuchung, alles hinzuwerfen. Die Versuchung zu sagen, warum tue ich mir das alles an, Menschen zu helfen und für andere da zu sein. Ich könnte mich doch gehen lassen wie alle anderen. Petrus ermuntert seine Gemeinde, indem er ihr sagt: Diese Versuchung, das ist jetzt so eine Phase, da müsst ihr durch. Wie der Tunnelbauer durch den harten Fels. Petrus schreibt: Jetzt seid ihr eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig in mancherlei Versuchungen. Es ist wie eine Prüfung, durch die man durch muss. Dahinter wartet wieder das helle Leben auf euch.

Petrus zeigt seiner Gemeinde aber noch mehr. Er verweist sie auf ein Licht in den Tunneln unseres Lebens, das der Eingang und der Ausgang des Tunnels zugleich ist. Es ist kein Etwas, sondern eine Person. Jesus Christus sagt von sich: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben" (Johannes 8,12). Ist das nicht wunderbar? Wenn wir Jesus Christus nachfolgen, dann wandeln wir nicht in der Finsternis, dann tappen wir nicht im Dunkeln. Dann brauchen wir nur ihm hinterherzugehen. Und wir werden den Lebensweg recht gehen. Dann werden selbst die Tunnelabschnitte unseres Lebens nicht durchweg dunkel sein, sondern Jesus Christus selbst leuchtet und macht unseren Weg hell.

Auch ein erleuchteter Tunnel, ein Tunnel, in dem Licht scheint, ist und bleibt ein Tunnel! Das heißt, wer mit Jesus Christus geht, ihm nachfolgt, dem bleiben Dunkelheiten nicht erspart. Aber es sind keine Tunnels, in denen die Angst und Beklemmung regiert, sondern Durchbrüche, in denen das Licht uns die Hoffnung gibt, dass am Ende das Licht auf uns wartet.

*

Das können wir bei Jesus Christus lernen: das Hoffen über dieses Leben hinaus. Ja, es war die Überzeugung des Petrusbriefes, dass es mit diesem Leben nicht getan ist.Wer glaubt, kriegt Aussicht auf ein neues Leben. Unser Verstand mag sich dagegen  sträuben, sich auf die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod einzulassen. Petrus erlaubt uns einen Blick auf die andere Seite des Tunnels.

Uns erwartet ein Besitz, der nicht verdirbt, dessen Glanz und Schönheit bleiben werden. Euch selbst aber bewahrt Gott, in seiner Kraft wird euer Glaube geschützt sein, denn ein neues Leben liegt für euch bereit. An jenem Tag wird euch die Freude überwältigen. ... Ihr werdet euch freuen mit einer unaussprechlichen und herrlichen Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erreicht: der Seele Seligkeit (übersetzt auch mit Jörg Zink).

Selig – was ist das? Ein Stück Erdbeerkuchen wie von Oma? Ein sonniger Tag ohne Wolke am Himmel, ohne lästige Verpflichtung? Ein lieber Mensch an der Seite, der meine Liebe erwidern kann? Ein Tag ohne Streit? Seligkeit hat viele Gesichter. Selig kann nur ein Mensch sein, der eine feste Hoffnung besitzt. Sonst wäre man unselig und ohne Hoffnung.

Ich möchte an ein Wort von Heinrich Albertz erinnern, der mal Berliner Bürgermeister zur Zeit der Mauer war. Niemand dachte, dass sie jemals wieder aufgehen würde. Auch er nicht. Dennoch sagte Heinrich Albertz einmal in einer Rede: „Ich bin für den Versuch, immer etwas mehr zu hoffen, als mensch eigentlich vernünftigerweise für realistisch halten müsste.“ Dieser Versuch ist seit Ostern möglich. Dank Jesus Christus, der durch den Tunnel aus der Grube des Todes in ein neues Leben gerufen worden ist.

Als der Tunnel in Oberneuland gebaut wurde, spotteten einige Bürger: „Der wird nie fertig.“ Heute ist Tunnelfest. Hoffnung muss man haben! Amen. 

 


„Er ist gesehen worden“

Radiopredigt DLF zu 1. Korinther 15,1-11

Pastor Frank Mühring    Bremen, 27.3.2016


Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe:

Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt.

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde!

Auferstehung geschieht leise. Vollkommen lautlos. Bei Albert Schweitzer passiert sie eines Morgens am Schreibtisch. Der Pastor und Theologe hat schon länger den Plan, als Arzt nach Afrika zu gehen. Aber irgendwie schafft er den Absprung nicht. Eines Morgens fällt ihm ein Heft der Pariser Missionsgesellschaft in Hände. Darin wird geklagt, dass es in Gabun, der nördlichen Provinz des Kongo, an Mitarbeitern fehle. Der Aufruf endet mit den Worten: Die Kirche bedarf solcher Menschen, die auf einen Wink Jesu Christi einfach antworten mit: „Herr; ich mache mich auf den Weg“. Albert Schweitzer durchfährt es heiß und kalt zugleich. Das ist der Moment, wo Jesus ihm erscheint. Er verspricht sich selbst: Kein Ausreden mehr. Ich werde nach Afrika gehen um zu helfen. Die Tür zu einem neuen Leben geht für ihn auf.

So geschieht Auferstehung. Leise, verborgen. Indem einer aufsteht und den alten Weg verlässt. Allen lähmenden Einsprüchen trotzt, die ihm sagen wollen: Was soll’s, das bringt doch nichts. Auferstehung geschieht da, wo dem Tod in seinen vielen Gestalten widerstanden wird. Der inneren Hemmung, die einen fesselt. Der Mutlosigkeit, die einem einreden will: Hat doch alles keinen Sinn. Ostern wird es dort, wo ein Mensch wieder Sinn im Leben findet. Sinngemäß lehrt Albert Schweitzer später: Gott ist Leben inmitten von Leben, das leben will. Der Tod hat keine Chance mehr, mich zu umklammern.

Ein neuer Sinn im Leben. Niemand bemerkt zunächst etwas von dieser Veränderung, die in Albert Schweitzer vorgeht. Aber er ist ein anderer geworden. Später wird Schweitzer Medizin studieren und tatsächlich als Urwalddoktor arbeiten. Diesen Morgen, an dem sich für ihn alles entschieden hat, wird er nie vergessen. In seinen Erinnerungen wird Albert Schweitzer später sagen: Das war ein Fingerzeig Gottes. Dass er diesen Aufruf für Afrika gelesen hat. Man könnte auch sagen: Da ist Jesus ihm als Auferstandener erschienen. Er hat seinem Leben neuen Sinn gegeben. Die Sache Jesu wird weitergehen.

Ich behaupte: So funktioniert Auferstehung. Sie ist nicht für Jesus, den Gottessohn, reserviert. Sie ist für uns geschehen. Sie geht weiter, indem Jesus sich uns lebendig zeigt. In unser Gewissen hineinredet. Uns ermutigt, ein neues Leben anzufangen. Auferstehung braucht kein festes Datum. Ostern geschieht, wo Jesus uns erscheint und uns auf die Spur eines sinnvollen Lebens bringt. Leise und unspektakulär.

*

Auferstehung – leise und unspektakulär? Bei anderen macht die Auferstehung mehr Getöse. Der Evangelist Matthäus bemüht ein großes, lautes Erdbeben. Der Stein vor dem Grab Jesu rollt geräuschvoll zur Seite. Es staubt und kracht. Der Gekreuzigte ist fort. Im Evangelium des Markus erschrecken die Jüngerinnen zu Tode, als sie vor dem leeren Grab ihres Meisters stehen. Sie fliehen von diesem Ort, vermutlich laut schreiend, von Entsetzen gepackt. Bei der Auferstehung aller am jüngsten Tag, so erzählt die Bibel, wird der Ton einer Posaune alle Lebenden und Toten wach rütteln zum ewigen Leben. Dann wird es den Menschen durch Mark und Bein gehen. Alle biblischen Bücher aber sind sich einig: die Auferstehung verändert die bisherige Welt. Sie erschüttert den Tod, der sich in der Welt gern als allmächtig ausgibt. Der immer frech behauptet: Am Ende komme ich und kriege euch alle. Seit Ostern ist der Tod eine gescheiterte Existenz. Er muss abdanken.  

Paulus setzt leisere Akzente. Er braucht kein Erdbeben und kein leeres Grab als Beweis. Er deutet den Tod Jesu am Kreuz. Ja, Jesus ist gestorben und begraben worden. Und nein, der Karfreitag ist nicht das Ende seiner Geschichte. Das, was vermeintlich ein Ende war, ist seit Ostern ein neuer Anfang. Am dritten Tag ist Jesus wahrhaftig auferstanden. Das glaubst du nicht? Nun, er ist gesehen worden. Auch von mir, schreibt Paulus seinen Lesern. Jesus ist mir erschienen. Jesus lebt. Er lebt weiter in Menschen wie mir, die einen neuen Lebenssinn gefunden haben. Die wieder Mut zum Leben haben. Wer Ostern richtig verstehen will, muss sich bestimmte Leute genauer anschauen. Paulus nennt Kephas, die Jünger, die Brüder und Schwestern in den Gemeinden als Zeugen. Der Tod Jesus am Kreuz hatte sie in eine tiefe Sinnkrise gestürzt. Sie fragten sich. Was bleibt nach diesem Ende? Worin liegt der Sinn? War all unsere Hoffnung umsonst?

Doch dann haben die ersten Christen einfach weiter gemacht. Mit dem, was sie von Jesus gelernt hatten. Was er ihnen beigebracht hat, das konnte nach dem Karfreitag nicht völlig sinnlos geworden sein. Er hatte doch gesagt: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ Und das haben die ersten Christen schlicht getan: Armen zu essen gegeben, Fremde willkommen geheißen, für Kranke gebetet, Gefangene nicht vergessen. In diesen Menschen erscheint Jesus uns noch heute. Wir können ihn sehen. Er erscheint uns immer wieder in unterschiedlicher Gestalt. In den Augen aller, die hungrig nach Leben sind. In den Augen der Menschen, die nach einem Sinn dürsten, der über Arbeit und Konsum hinausragt. In den Geschichten jener, die als Flüchtlinge zu uns kommen. Die fremd sind, aber sich integrieren wollen in unsere Gesellschaft. Es macht Sinn, keinen Menschen zurückzulassen in der Welt des Todes. Der tödliche Stacheldrahtzaun, der uns am Leben hindert, ist durchbrochen. Die Grenze zum Leben ist offen. Auferstehung heißt: die Sache Jesu geht weiter. Durch dich und mich.

*

Ja, es geht um mich bei der Auferstehung. Aber nicht so, dass ich es durch eigene Anstrengung herbeiführen könnte. Indem ich besonders tüchtig wäre im Aufspüren von neuem Lebenssinn. Oder ein besonders eifriger Christ wäre. Paulus hält fest: Ostern bleibt allein Gottes Tat. Gott hat Jesus auferweckt. Gott ruft mich in ein neues Leben. Der Apostel deutet seine Erfahrung von Ostern so: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade ist an mir nicht vergeblich gewesen.“ Ich bin, was ich bin, allein durch Gottes Kraft, die mich dem Tod entrissen hat. Das ist das Fundament aller Dinge.

Letztlich geht es zu Ostern um Sinnfragen, die jeder von uns stellt, sobald er nachdenkt. Auf die Fragen: Was ist der Mensch? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Seit dem Ostermorgen lässt sich sagen. Lieber Mensch, du bist nicht zum Tod bestimmt, sondern zum Leben. Du darfst mehr für dich erhoffen, als was vor Augen liegt. Diene dem Leben.  

Von einem alten Friedhofsgärtner habe ich gelernt, was Auferstehung bedeutet. Die Gräber grub er noch wie eh und je mit Schaufel und eigener Hand aus. Er sagte mir: „Wenn ich tief unten im Grab stehe, dann kommen mir manchmal komische Gedanken. Wenn mich die schwarzen Gedanken packen, denke ich: Warum nicht gleich hier unten bleiben? Erde drauf und zu. Weg ist man.“ Von dem Gärtner erzählte man sich, dass ihm schon vor Jahren seine Frau weggelaufen sei. Dass er seitdem einen Hang zum Trinken habe und oft missgelaunt sei. Er sah mich an und sagte in ernstem Ton: „Sie müssen den Menschen sagen, warum es sich lohnt, aus ihren Gräbern wieder auszusteigen.“

Tun wir das. Menschen vom lohnenden Leben zu erzählen. Helfen wir denen aus den Gräbern heraus, die sie sich selbst und anderen schaufeln. Einer ist nicht im Grab geblieben! Weil Jesus Christus auferstanden ist, gibt es Gründe, aus den Gräbern aufzustehen. Die Auferstehung liefert uns Gründe, dem Leben mehr zu trauen als den Stimmen, die sagen: „Erde drauf und weg“. Auferstehung bedeutet: das Leben zu lieben und weiterzumachen.    

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

 
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