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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Es ist vollbracht“

Predigt zu Johannes 19,16-30

Pastor Frank Mühring      Bremen, 3.4.2015

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.   (Johannes 19,16-30)

Liebe Gemeinde!

Das Kreuz im Gerichtssaal des Münchner Oberlandesgerichts kann man leicht übersehen. Ein Holzkreuz, das an der Seitenwand hängt, vielleicht 40 Zentimeter hoch. Die meisten Prozesszuschauer beachten es kaum. Dennoch entfaltet dieses Kreuz eine seltsame Kraft. Es irritiert und wirft Fragen auf. Im Saal A 101 schreitet seit fast zwei Jahren der Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund, kurz: NSU, voran. Wir sehen selbstgewisse Polizisten, rechtsradikale Zeugen, eine schweigende Hauptangeklagte. Ganz vorn sitzt Beate Zschäpe. Sie dreht sich um, wenn die Kameras filmen. Neben ihr André E., ein mitbeschuldigter Neonazi. Er ist großflächig tätowiert. Auf seinem Oberkörper prangt in Englisch die Hassparole „Stirb, Jude, stirb“. Das christliche Kreuz ist für einen wie ihn keine Mahnung. André E. lässt vieles an sich abtropfen. Adnan Erdal geht es anders. Der Anwalt aus Hannover vertritt die Familie eines der Opfer des NSU. Gleich zu Anfang des Prozesses den Antrag gestellt, das Kreuz abzunehmen – und den Antrag dann doch zurückgenommen. Er wollte, dass sich seine Mandanten nicht ausgeschlossen fühlen. Seine Argumente sind nicht abwegig: Das Kreuz erwecke bei seinem Mandanten den Eindruck, dass nur Mitglieder christlicher Religionsgemeinschaften unter dem besonderen Schutz des Gerichts stünden. Zum wem spricht das Kreuz? Ist es ein gutes oder ein böses Zeichen? Wen schließt es ein, wen schließt es aus? 

*

Für das Johannesevangelium ist das Kreuz ein Segenszeichen. Für ihn ist es die Mitte der Welt. Vom Kreuz geht Segen aus in alle vier Windrichtungen. Unter dem Kreuz entsteht eine neue Gemeinschaft, die Kirche. Das Kreuz redet nicht vom Tod, es eröffnet Leben. Der Ohnmächtige, dessen Hände gebunden sind, hat das Heft des Handelns in der Hand. Nur scheinbar ist Jesus gescheitert. Den Tod ist eine Durchgangsstation zum Leben geworden.

Der Streit um das Kreuz freilich reicht bis zum ersten Karfreitag zurück. Man ist uneins, was über seinem Kreuz stehen soll. Pilatus entscheidet: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Doch das Volk stört sich daran: „Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.“ Ein König am Kreuz, ein verspotteter, verhöhnter, verurteilter, hingerichteter Messias? Wie kann so einer ein Segenzeichen ein? So fragen viele Menschen auch heute. Wie kann etwas von Segen zeugen, was so blutig daherkommt? Pilatus weigert sich, etwas zu verändern. „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Damit wird er wider Willen zum Missionar, der anderen die Augen öffnet. Jesus am Kreuz, der ist ein wahrer, echter König. Auf Hebräisch steht es da – der Sprache der Religion. Auf Lateinisch – der Sprache der Gesetze. Auf Griechisch – das ist die Sprache der Philosophie. Die anderen Herrscher, die selbst im Luxus und Leben und das Volk verachten, sind keine Könige. Manche Christen sagen heute: Am Kreuz hängt ein Verlierer. Unsinn. Schon die Schrift über seinem Kopf bittet uns, nicht nur unserem ersten Augenschein zu trauen. Wir haben es mit Gottes Sohn zu tun, der durch den Tod in die Herrlichkeit geht. Mit einem König. Sein Kreuz steht in der Mitte, nicht zufällig. Jesus am Kreuz ist die Mitte der Welt.

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt,“ sagt Jesus nach dem Johannesevangelium. Er strahlt eine überirdische Würde aus. Das ist das Geheimnis der Erlösung, die in der Passion sichtbar wird. Jeder Mensch ist ein König, eine Königin. Tief in uns schlummert eine Würde, die nicht von dieser Welt ist. Gerade da, wo wir schwach sind, wo wir von anderen verurteilt, fallengelassen, gekreuzigt werden, ist er bei uns. Meine königliche Würde kann mir niemand nehmen. Nicht einmal der Tod.

Ich erinnere mich an einen Besuch mit Konfirmandinnen und Konfirmanden beim Holocaust-Mahnmal in Berlin. In der Ausstellung dazu sahen wir schwer erträgliche Bilder. Jüdinnen und Juden, Menschen wie du und ich, abgemagert, verängstigt, in den Tod getrieben. Als wir wieder ans Tageslicht kamen, sprachen die jungen Leute kaum ein Wort. Alle waren tief betroffen. Einer aber schüttelte den Kopf und sagte laut: „Wie konnten man ihnen das antun? Das waren doch wertvolle Menschen!“ Ja, wertvolle Menschen, das sind wir. Könige. Am Kreuz leuchtet das auf.

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Einen zweiten Streit gibt es unter dem Kreuz. Es geht um das Gewand Jesu. Vier Soldaten sind es, die unter sich seine Kleider aufteilen. Vielleicht stehen die Soldaten dafür, dass das Christentum sich zerteilen wird. Katholiken, Evangelische, Orthodoxe, Anglikaner. Die Kleider des Christus sind längst zerrissen in viele kleine Teile. Die Einheit ist verloren gegangen. Werden wir je wieder eine Kirche werden, trotz verschiedener Lehren? Allein das Kreuz, das alle Christen verehren, kann das zusammenbinden, was im Alltag getrennt ist.

Man kann das Zerteilen der Kleider Jesu aber auch anders sehen. Vier ist die Zahl des Kosmos, aller vier Himmelsrichtungen. Das Gewand Jesu aber bleibt ganz, über dieses wurde das Los geworfen. Es steht für seinen Leib, der trotz aller Trennungen eins bleibt. Jesus ist nicht nur für die Christen gestorben. Er ist für alle Menschen durch den Tod ins Leben gegangen. Das Kreuz steht über der ganzen Erde. Nicht als Triumphzeichen. Aber als Zeichen des Heils. Das Kreuz steht für ein Miteinander in dieser Welt. Wir sind verschieden. Unsere Gesellschaft besteht aus Christen, Juden, Muslimen, Nichtgläubigen. Aber der Tod Jesu trennt uns nicht. Wir alle sind sterbliche Wesen. Sein Sterben bindet uns als Menschen zu einer Einheit zusammen. Wenn der Frieden bedroht ist, sind wir eins, auch wenn der Glaube uns trennen mag. Wir sollten denen keinen Glauben schenken, die aus dem Kreuz ein Zeichen der Trennung machen. Es eint uns viel mehr als wir denken.

Das, was zerrissen ist in unserem Leben, das kann der Glaube an Jesus heilen.  Partnerschaften können zerbrechen, Familienbande, Freundschaften auseinandergehen. Die Passion Jesu öffnet neue Blicke auf das Leben: Das Ende muss nun nicht mehr das Ende aller Dinge sein. Das, was zerteilt ist, kann unter dem Kreuz wieder zusammen gebunden werden. Was mich auseinander reißt in mein Leben, der Tod, die Krankheit, den Schmerz, in ihm ist alles heil. Denn Gottes Sohn kennt unser Leid. Im Tod Jesu wächst neues Leben. Da ergießt sich die Liebe, mit der uns Jesus geliebt hat bis zum Ende in alle vier Windrichtungen. Das Kreuz spricht: Es gibt auch nach der dunkelsten Nacht einen neuen, hellen Tag.

*

In einer letzten, berührenden Szene zeigt uns der Evangelist Johannes, worin die Sendung Jesu besteht. Jesus sieht unter dem Kreuz seine Mutter und den Lieblingsjünger. Vielleicht sieht sich Johannes selbst in ihm. Beide, Jesu Mutter und der Lieblingsjünger, werden nach dem Tod Jesu verwaist zurückbleiben. Die Lücke, die der Verlust des Sohnes, der Verlust des Meisters, reißt, wird nicht zu schließen sein. Doch Jesus verbindet die beiden zu einer neuen Familie: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ „Siehe, das ist deine Mutter!“ Er überlässt die beiden nicht ihrem Schmerz. Noch im Sterben zeigt Jesus, dass sein Auftrag die echte Liebe ist. Freundschaft, die nicht endet, wenn es hart wird. Gemeinschaft, die sich nicht auflöst, wenn bittere Zeiten kommen. Jesus zeigt uns, dass Gott unendlich menschenfreundlich ist.

Nicht alles Unglück auf der Welt ist zu verhindern. Das zeigt auf tragische Weise der Airbusabsturz. Aber kein Mensch soll im Unglück allein sein. Wir sind von Jesus aneinander gewiesen. Als Geschwister, als Freunde, als Gefährtinnen und Gefährten Jesu sollen wir einander begegnen. Keiner soll allein bleiben, wenn ihn Unglück und Schmerz trifft – egal welchem Volk er angehört oder welcher Religion. Wer seinen Nächsten liebt, der fragt danach nicht. Denn wer liebt, in dem ist Gott gegenwärtig.

Das Kreuz ist ein Zeichen für all die Menschen, die leiden in und an dieser Welt. Er verweist uns auf die Opfer der Geschichte. Auf die Opfer von Katastrophen wie die Passagiere des Fluges 4U9524. Auf die Opfer der Kriege in Syrien, Nigeria, im Jemen und an anderen Orten dieser Erde. Auch auf die Menschen, der Leid unsichtbar bleibt und sich abseits des Medieninteresses sich vollzieht.  All diese Menschen und deren Nachkommen werden durch den Gekreuzigten unserer Aufmerksamkeit und Liebe empfohlen. Wir sollen sie wahrnehmen, ihnen beistehen, ihnen helfen, wo es möglich ist. Und wo es nicht möglich ist, da sollen wir sie wenigstens nicht vergessen, nicht übersehen, nicht allein lassen.

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Der Karfreitag wirft auf unsere Welt ein neues Licht. Nirgendwo kommt Gott uns näher als am Kreuz. Nirgendwo wird der Mensch mehr wertgeschätzt als hier. Das Sterben Jesu klagt die Würde aller Gemarterten ein. Sie werden nicht der Finsternis überlassen, nicht dem Vergessen übergeben. Das Kreuz steht von nun für das Leben. Dass es ein Segen ist. Jesu letztes Wort nach Johannes heißt: „Es ist vollbracht!“ Mission erfüllt - eine kühne Behauptung. Aber sie stimmt. Wenn wir uns von Jesus für Gottes Liebe gewinnen lassen, dann wird Jesu letztes großes Wort wirklich wahr: „Es ist vollbracht!“

 Amen.

 

 
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