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Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Kriegskinder“ - DLF-Radiopredigt

Predigt zu 2. Korinther 5,10

Pastor Frank Mühring       Bremen, 16.11.2014

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“

(2. Korinther 5,10)

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde,

ich bin das Kind eines Kriegskindes. Wir müssen den Kriegskindern zuhören, wenn wir verstehen wollen, warum Krieg in Zukunft nach Gottes Willen nicht sein darf. Meine Mutter war acht Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Ostpreußen fliehen musste. Über den Krieg und die Flucht wurde bei uns zuhause der Mantel des Schweigens gebreitet. Meine Mutter konnte nicht darüber reden. „Wir wollen lieber von schöneren Dingen sprechen,“ erklärte sie, das Kriegskind, wenn das Thema doch auf den Tisch kam. Aber die Erinnerung holte sie doch immer wieder ein. Ein lauter Knall auf der Straße - schon war das Kriegsgeschehen wieder präsent. Dann war sie wieder das kleine Mädchen, das Angst hatte vor den Schüssen der Tiefflieger. Selbst wenn im „Tatort“ am Sonntagabend das Blut fließt, dann klagt sie oft noch heute: „Warum müssen wir uns das eigentlich ansehen, immer diese viele Gewalt?“ 

Am Volkstrauertag sollten wir den Kriegskindern zuhören. Ihren Fragen und Erzählungen. Und dem nachspüren, was sie verletzt hat. Dem, was sie uns Nachgeborenen verschwiegen haben, weil es unsagbar war. Die bitteren Erlebnisse des ersten und zweiten Weltkriegs haben die Kriegskinder tief geprägt.

Die „Unfähigkeit zu trauern“ hat man ihnen einst vorgehalten. Manchmal braucht es ein Leben lang, bis sich jemand traut offen vor anderen zu klagen: Meine Jugend ist mir genommen worden. Oder zu sagen: Mir ist damals Entsetzliches widerfahren. Viele trauen sich erst nach vielen Jahren der Verdrängung zu bekennen: Der Krieg hat mir Narben geschlagen. In meinen bösen Traumnächten kehrt alles wieder. Ich bin ein anderer, eine andere geworden. Auch die gefühlte Scham über die noch viel entsetzlicheren Taten der Väter und Mütter an den Juden ließ die Kriegskinder schweigen. Was ist mein Leid gegen das der anderen Mitmenschen? Nach dem Krieg haben auch die Kriegskinder Deutschland Stein für Stein wieder aufgebaut. Haben nach Wegen des Friedens mit den Nachbarvölkern gesucht. Aber die schweren Steine im Herzen, die kann man nicht einfach wegtragen oder beiseitelegen. Nichts lässt sich für immer verbergen.

Der Volkstrauertag kann ein Anlass sein, den Kriegskindern zuzuhören. Ihre Geschichten ähneln einander. Väter wurden vermisst. Ehemänner gerieten in Gefangenschaft. Der Krieg hat die Kriegskinder zu Menschen gemacht, denen viel unbeschwerte Lebenszeit geraubt wurde. Verbrannte Erde hat gebrannte Kinder hervorgebracht. Was für eine Lebenskunst, das Leben dennoch zu leben vor so viel aufgerichteten Kreuzen!

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Das Leben dennoch zu leben. Trotz der traurigen Erfahrungen von Verlust und Schmerz. Darum schreibt der Apostel Paulus der Gemeinde in Korinth einen Brief. Und in diesem Brief heißt es: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“  Das klingt beim ersten Hören eher bedrohlich. Wir sehen einen Gerichtssaal, dazu den Stuhl des Richters. Paulus erinnert die Seinen daran, dass Gott eines Tages über uns Menschen richten wird. Über das, was gut war, und das, was wir Böses getan haben.

 „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Obwohl das jüngste Gericht bei uns vermutlich eher Befürchtungen auslöst, behaupte ich: Das ist ein tröstlicher Gedanke. Denn einmal wird alles offenbar werden. Oder besser gesagt: Auf alle Menschen, auch auf dich und mich, fällt Licht von oben her. Der Schleier des Vergessens wird gelüftet. Gott kennt die Namen der Kriegskinder, die unter der bösen Zeit bis heute leiden. Gott kennt sie alle. Gott kennt deine Wunden, deine Scham, über das Vergangene zu reden. Gott kennt die Namen der Vermissten, die man irgendwo in einem Massengrab notdürftig verscharrt hat. Den Namen deines Vaters, der irgendwo in Russland als vermisst gemeldet wurde. Gott kennt den Namen deiner Großmutter, die im Regen der Brandbomben zu  Asche wurde. Gott kennt die Namen derer, die die Nazis per Dekret auslöschen wollten. Unvergessen soll jeder Name der Jüdinnen und Juden sein, die von uns Deutschen in die Gaskammern geschickt wurden. Am Ende der Zeit werden sie lebendig vor dem Richterstuhl Christi stehen. Nichts, weder Gutes noch Böses, wird dann mehr zu verbergen sein. Gott kennt auch die Namen der Täter, die ihr Tun am liebsten für immer verheimlichen würden. Die sich immer versteckt haben und die man nie vor Gericht zur Verantwortung ziehen konnte. Am Ende wird sich zeigen, dass es eben  nicht egal ist, wie wir unser Leben gelebt haben. Dass der Mantel der Geschichte nicht alles zudecken kann, was im Krieg oder im Alltag an Untaten geschehen ist. Am Ende haben nicht der Krieg und der Tod das letzte Wort, sondern Gott selber, der Gott alles Lebendigen. 

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Es ist nicht irgendein Richter, vor dem alle Menschen erscheinen werden. Kein „Richter Gnadenlos“. Da sitzt Jesus Christus auf dem Richterstuhl. Er, der einst  im harten Holz der Krippe „lag“ und die erbärmliche Not der armen Menschen kennt. „Ein Flüchtling war er“ mit seinen Eltern Maria und Josef und musste vor der Gewalt des mächtigen Herodes über die Grenze nach Ägypten ziehen. Er „hing“ am Kreuz und hat Gewalt und Folter am eigenen Leib erfahren. Er „stand auf“ am dritten Tag nach seiner Beerdigung. Dieser „sitzt“ jetzt auf dem Richterstuhl. Das will sagen: Jesus Christus ist der geheime Regent der Welt. Uns Menschen ist das bis heute verborgen. Unsere menschliche Vernunft reicht nur ein paar Jahre voraus bis zum Ende unseres Daseins. Wir können nur erkennen, dass in dieser Welt scheinbar nur die Kriegstreiber und Machtpolitiker die entscheidenden Schachzüge machen. Dass wir Menschen anscheinend nicht lernen, und der Frieden niemals von Dauer ist. Aber einmal wird dieses Treiben zu Ende sein.

Denn: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Auf diesem kleinen Wort „alle“ liegt die Betonung. Darin liegt, finde ich, großer Trost. Keiner wird sich davonmachen können. Kein Volk wird sich mehr über ein anderes stellen können. Alle werden im Licht Gottes stehen. Und ich vermute: Vieles, was wir vermeintlich für große Guttaten gehalten haben, wird hier anders bewertet. Und die, die wir vorschnell verurteilt haben, werden freigesprochen.
Vor diesem Richterstuhl zählen keine weltlichen Maßstäbe. Am Ende zählt das, was Jesus „gut“ und „böse“ nennt. Er wird ein gnädiger Richter sein. Das Gute wird er uns lassen und das Böse, Lieblose, Hochmütige und Menschenfeindliche von uns nehmen. Denn auf diesem Richterstuhl sitzt einer, der sein Leben aus Liebe für uns Menschen hingegeben hat.  

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„Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit.“ Schade, dass dieser Satz nicht in der Bibel steht. Robert Scholl hat ihn im Jahr 1943 gewagt, nachdem der nationalsozialistische Scharfrichter Freisler seine Kinder Hans und Sophie Scholl zum Tode verurteilt hatte. Seine Kinder waren im Widerstand gegen Hitlers Krieg aktiv. Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit. Eine andere Gerechtigkeit als die des Stärkeren und der Beugung des Rechts. Eine Gerechtigkeit, die den Krieg beendet und dem Leben der Menschen dient. Nichts anderes will Paulus sagen. Du sagst, das Leben sei nicht fair? Und dass es Krieg, den vermeintlichen Vater aller Dinge, immer geben werde, solange Menschen leben? Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit, die auf alle Menschen wartet.

Die Vorstellung vom jüngsten Gericht soll uns Christen nicht als Beruhigungsspritze dienen. So nach dem Motto: Dann wird der liebe Gott ja am Ende schon alles regeln. Er wird die Würde die Opfer wieder herstellen und die Kriegführenden verurteilen. Alles in Butter. So nicht! Wenn es so ist, dass ich eines Tages vor dem Richterstuhl Christi im Scheinwerferlicht stehe, dann soll mich das eher in Unruhe versetzen. In eine Unruhe des Glaubens. Ich soll mich -  solange es noch Zeit ist - auf den Weg des Friedens machen. Auf die Suche nach der anderen Gerechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, die sich aus der Liebe speist.

Meine Mutter, das Kriegskind, hat manchmal von dem Guten und Rettenden erzählt, das ihr auf der Flucht vor dem Krieg widerfahren ist. Ein verwundeter Soldat teilte im Zug mit ihr seine Portion Schokolade. Und ein mitfühlender Bauer lud unterwegs die ausgehungerte Familie zu Milch und Bratkartoffeln ein. Vielleicht kein besonders großer Schritt zum Frieden. Und doch - wenn es bei uns in der Küche nach Bratkartoffeln riecht, dann berichtet sie dankbar von damals. Von Milch und Kartoffeln nach dem großen Hunger. So ein einfaches Mahl hat dem Kriegskind den Mut zum Weiterleben erhalten.

Heute leben wieder Kriegskinder unter uns. Sinan und Bassel sind 5 und 7 Jahre alt. Ihre Familien sind aus Syrien geflohen. Sie wohnen bei uns im Stadtteil und haben einen Platz bei uns im Kindergarten gefunden. Ihre Wunden sieht man ihnen nicht an. Sie sind ganz normale Kinder. Und doch sind sie vor einem Jahr den Granaten und dem Gefühl permanenter Bedrohung entronnen. Werden Sinan und Bassel hier in Deutschland auf Menschen treffen, die ihre innere Not sehen können? Werden wir ihnen eine sichere Heimat bieten können, wo sie zur Ruhe kommen? Werden wir ihnen zu Nachbarn, denen sie eines Tages von ihren Erlebnissen erzählen können - ohne Angst? Einmal sah ich, wie Sinan und Bassel bei uns in der Mensa Bratkartoffeln aßen und Milch tranken. Inmitten der andere Kinder. Fröhlich sahen sie aus. Die beiden werden ihr Leben meistern. Irgendwie gab mir das ein gutes Gefühl. Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit.     

Amen.


 
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