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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Wer leben will, muss sterben wie ein Weizenkorn“

Predigt zu Johannes 12,20-26

Pastor Frank Mühring       Bremen, 15.3.2015

               

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.   (Johannes 12,20-26)

Liebe Gemeinde,

„Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben um zu leben.“ So beginnt ein Lied des niederländischen Schriftstellers Huub Oosterhuis, dem ich auf dem Bremer Kirchentag persönlich begegnet bin. Ein zorniger junger Mann ist er, als er das Lied dichtet. Unzufrieden mit seiner starren katholischen Kirche. Das Leben scheint da ausgewandert zu sein. Voller Enthusiasmus war Oosterhuis mit 19 Jahren in den Jesuitenorden eingetreten. Auf der Suche nach dem wahren, echten Leben. Sein Talent zum Dichten und Schreiben erwacht. Das Lied vom Weizenkorn dichtet er während einer Radtour bei heftigem Gegenwind, als er auf dem Weg nach Groningen ist. Als Melodie verwendet er ein holländisches Volkslied, das einen trockenen Hering besingt. Ein Lied, entstanden beim Strampeln gegen den Wind. „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben um zu leben.“

Das Leben kann manchmal freudlos sein wie ein trockener Hering. Blutleer und öde. Aber volles Leben, wie es Gott uns schenkt, geht anders. Echtes Leben bedeutet Seligkeit, Freude. Das Lied hebt an in dunklem E-Moll. „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde“. Hätte Huub Oosterhuis nicht gleich sagen können: „Wer leben will wie Gott in Frankreich“, also herrlich und in Freuden? Ohne Sorgenfalten auf der Stirn, ohne lähmende Routine? Wie an einem langen, sonnigen Frühlingstag? Das wäre es doch, dann suchen doch die Menschen doch. Wie leicht verdirbt das geschenkte Leben. Wir wollen das Leben steigern. Noch ein Projekt dazu, um die Beförderung zu bekommen. Noch ein paar Überstunden, um das Haus abzuzahlen. Noch eine Tagung, noch eine Konferenz, noch ein Burnout, noch ein Herzinfarkt. Und bald fühlen wir uns selbst wie ein trockener Hering.

Lätare, freuet euch! heißt dieser Sonntag. Wo Glaube ist, da muss auch Befreiung und Freude sein. Doch unterwegs kann selbst unser Glaube zum trockenen Hering werden. Ein Bild für echten Glauben dagegen ist für Huub Oosterhuis das Weizenkorn. Ein Korn, das nach Erde riecht und in die Erde fallen muss. Glaube muss geerdet werden, braucht Praxis. Kirche muss geerdet werden und darf sich nicht vornehm zurückhalten. Wer glaubt, muss loslassen und sich hingeben können. An diese Erde, auf der wir wohnen. An die Menschen, die uns umgegeben. Muss sich selbst lassen können. „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben um zu leben.“

*

Das Johannesevangelium ist ein seltsames Buch. Es gibt uns Einblick in eine Welt, die auf dem Kopf steht. Wo wir Menschen das Leben suchen, im Streben nach Aufstieg und Glück, da lauert der Tod. Und auf dem Weg zum Kreuz, an dem Jesus von Nazareth den Tod findet, da finden wir das Leben. Nichts ist so, wie es scheint. Du musst wirklich neugierig hinsehen wie die beiden Griechen Philippus und Andreas, wenn du wie Gott auf dieser Erde leben willst. „Herr, wir wollen gerne Jesus sehen,“ sagen die beiden. So beginnt der Glaubensweg der beiden. Mit einem kleinen Schuss Neugier. Was das wohl für einer in Wahrheit ist? Gut, wenn sich auch nach vielen Gottesdienstbesuchen solche Neugier immer noch bei uns regt. Und ich kenne keine Konfirmandengruppe heute, in der sich nicht irgendwann – sei es noch so verborgen – die Bitte spüren lässt: Wir wollen gerne Jesus sehen.

Das Evangelium nach Johannes antwortet indirekt darauf. Es erzählt Geschichten von einer Welt, die Kopf steht, da wo Jesus mit seinen Füßen vorbeiwandelt. Als er wie ein König in Jerusalem einzieht, reitet er auf einem Esel, wie es die armen Leute tun. Jesu Größe ist, sich herab zu beugen und seinen Jüngern die Füße zu waschen. Seine Heiligkeit ist es, mit Sündern und Verlierern des Lebens zu reden. Wenn er fünf kleine Brote und zwei armselige Fische teilt, werden Fünftausend satt. Ein Blinder kann durch ihn wieder sehen, während die meisten ihn übersehen. Der tote Lazarus kommt aus der Grabeshöhle, während andere Menschen mitten im Leben schon wie tot sind. Jesu Weisheit klingt wie Torheit. Am Ende, so erzählt Johannes, stirbt der gute Lehrer in Schande am Kreuz. Seine Verherrlichung sind Schläge und Hohn. Seine Lehre führt zu Streit und Unfrieden, doch sein Tod wird für viele zum Leben. Die Welt steht Kopf. Aber es gilt: Auf Jesu Spuren erwartet dich das Leben.

Der Dichter Huub Oosterhius macht in der Nachfolge Jesu seine Erfahrungen. Er engagiert sich für die Amsterdamer Studentenekklesia, eine Gemeinde junger Studenten. Für sie schreibt er Lieder und Texte, die zu der Welt passen, in der wir jetzt leben: Die Stadt kommt vor, Mann und Frau, Liebe, Geburt und Tod, Gutes und Böses, Krieg und Frieden werden von ihm thematisiert. Und das alles volkstümlich in niederländischer Sprache. Doch Huub Oosterhuis kommt in Konflikte mit der offiziellen Kirche. Der Studentengemeinde wird aus Protest von oben der Mietvertrag gekündigt. Sie tritt trotzig aus der katholischen Kirche aus. Seine Gemeinde wird Gast in der protestantischen Amstelkerk. Huub Oosterhuis heiratet als Priester und Ordensmann, wird nach Rom zitiert. Er wird aus dem Orden ausgeschlossen und vom Priesterdienst suspendiert. Huub Oosterhuis, er selbst ist ein Weizenkorn, das zur Erde gefallen ist, gestorben ist, wieder auflebt und Frucht bringt. Seine Lieder erklingen in aller Welt. Wie heißt es in seinem Lied? „Der Sonne und dem Regen preisgegeben, das kleinste Korn in Sturm und Wind muss sterben, um zu leben.“

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„Herr, wir möchten gerne Jesus sehen,“ sagen Andreas und Philippus, die beiden neugierigen Männer. Jesus geht weg, ans Kreuz. Sie sehen ihn nicht. Er lässt sie sich kein klares Bild von ihm machen. Nur ein Rätselwort gibt er ihnen an die Hand. Eines, das wir immer wieder wie Schwarzbrot kauen müssen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren. Wer mir dienen will, der folge mir nach“. Andreas und Philippus stehen für uns. Unsere Erwartungen, wie Gott ist, was wir uns vom Leben wünschen, was gut und schlecht ist, werden manchmal vom Leben durcheinander geworfen. Wir müssen lernen, Altes los zu lassen, wenn wir neu werden wollen. Wenn das Weizenkorn will, dass alles bleibt, wie es die Welt kennt, dann bleibt es allein. Wenn das Weizenkorn ein Weizenkorn bleiben will, bringt es keine Frucht. Es muss bereit sein, sich erden zu lassen. Es muss bereit sein, sich zu verwandeln. Nur dann kann es wachsen. Nur dann etwas Neues entstehen. Das gilt für die Kirche, für unsere Gemeinde, für uns und unsere Familien. Nur geerdet macht unser Christsein einen Sinn. Geerdete Kirche, das ist eine, die sich nicht vornehm zurück hält, wo sie gebraucht wird. Die auch die Nähe von psychisch Kranken und den Geruch armer Leute aushält. Die sich nicht umdreht, wenn Trauernde und Depressive nach einem Moment des Beistands suchen. Und das Seltsame ist: Genau da werden wir das Leben finden. Da unten finden wir das Licht, das uns nach oben, zu Gott führt. Da gewinnen wir die Freude am Leben wieder zurück. In dem Lied heißt es deswegen: „Die Menschen müssen für einander sterben. Das kleinste Korn, es wird zum Brot, und einer nährt den andern.“

Ein Weizenkorn ist unscheinbar. Man kann es übersehen. Und doch, wo es in der Erde überwintert, kann es im Frühling große Furcht bringen. Das ist ein Gleichnis für unser Leben. Wir werden auch hier im Leben sterben und wieder auferstehen. Am Ende aber steht das Leben. Wissen Sie, was am schwersten stirbt? Am schwersten sterben gewohnte Gedanken. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Es ist schwer, ein Haus zu bauen. Es ist schwerer, eines umzubauen. Am schwersten ist es, einen neuen Gedanken zu denken.“

Ein Gedanke muss sterben: Die Kirche als lose Zusammenkunft einzelner Interessierter, zusammengehalten durch einen Pfarrer. Das wäre der trockene Hering. Auferstehen muss das Wissen darum, dass sie ein Leib mit vielen Gliedern ist. Und nur dann lebendig, wenn wir den Spuren Jesu folgen.  Kirche darf sterben, wo sie noch nicht entdeckt hat, dass sie ein Leib ist mit vielen Gliedern. Und sie darf auferstehen im Bewusstsein, Leib Christi zu sein. Ein Leib mit vielen Gliedern, die einander tragen und ertragen, die mitleiden und sich mitfreuen. Weizenkornkirche müssen wir werden. Jesus sagt: „Die Zeit ist gekommen.“

Jonathan Swift, der Autor von Gullivers Reisen, hat einmal gesagt: „Die meisten Menschen bereiten sich darauf vor, demnächst zu leben.“ Das ist eine treffende Diagnose unserer Zeit: Jetzt ist der Punkt, an dem unsere Zeit die Ewigkeit berührt. Jesus selbst spricht im Johannesevangelium immer in der Gegenwart, wenn er mit uns spricht: Folge mir nach! Nicht irgendwann. Jetzt.

*

Die fünfte und letzte Strophe des Liedes von Huub Oosterhuis hat es seltsamerweise nicht in das Gesangbuch geschafft. Sie erinnert an die Nachfolge und scheint mir besonders wichtig zu sein. Den gleichen Weg ist unser Gott gegangen, und so ist er für dich und mich das Leben selbst geworden.  

Amen.

 
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