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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Himmlische Gerechtigkeit“

Predigt zu Matthäus 20,1-16a

Pastor Frank Mühring         Bremen, 1.2.2015

Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Denar als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?  Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Denar. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Denar. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Denar? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.

Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. (Matthäus 20,1-16a) 

Liebe Gemeinde,

„Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten Letzte.“ Ein Freund von mir hat einmal gesagt, dass sei für ihn der schönste Satz aus dem Neuen Testament. Weil es dann, wenn Letzte Ersten werden können und umgekehrt, Hoffnung gibt. Nichts steht fest. Nichts, was in Stein gemeißelt ist für immer. Dein Boss, der sich jetzt so dick tut, steht vielleicht morgen schon im Unterhemd da. Und für die, die immer zu kurz kommen im Leben, ist das Spiel noch nicht zu Ende. Wer jetzt unten ist, kann es nach oben schaffen. Glaube bringt die Verhältnisse zum Tanzen. Jeden Tag kann sich etwas ändern, auch für dich. Das Leben liegt offen vor dir. Einen schöneren Hoffnungssatz wird man nicht so leicht finden.

 

„Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten Letzte.“ So klingt Jesu Liebeserklärung an unsere Welt, wie sie sein könnte. Ein Himmelreich. Aber da sind wir ja noch nicht. Viel näher liegt uns ein anderer Satz, der nicht in der Bibel steht.  „Erste bleiben Erste und Letzte bleiben Letzte.“ Und an diese Weisheit, so scheint mir, glauben viele Menschen. Die Marktführer werden sich oben halten, die zu spät auf dem Markt erscheinen, werden keine Chance haben. Die Klugen gewinnen und die mit den Defiziten krebsen herum. So geht es eben zu in der Wirtschaft, sagen die Kenner achselzuckend. Aber auch im Fußball. Bayern bleibt oben und Werder …

 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg will Hoffnung wecken. Ich möchte meinem Freund zu rufen, dass er recht hat. Dieses Evangelium steckt voller Kraft.

*

Das Gleichnis ist ein Stück Hoffnung für Menschen, die unzufrieden sind. Deshalb passt es in unsere Zeit heute. Wir Deutschen sind unzufrieden. Noch nie ging es der breiten Mitte wirtschaftlich so gut. Und noch nie hat das Volk zugleich so laut gemault. Gegen die Politik, die angeblich nichts tut. Gegen die vielen Flüchtlinge, die – so meinen manche – hier nicht hergehören. Gegen die Kopftücher, den Islam und alles, was fremd erscheint. Menschen laufen durch Dresden und rufen laut „Wir sind das Volk.“ Und meinen damit: „Und ihr anderen nicht.“  Die anderen aber sind auch unzufrieden. Viele Leute aus den Südländern beklagen eine wachsende feindselige Stimmung gegen sie. Friedliche Muslime sind unzufrieden, weil man sie haftbar machen will für Untaten von Terroristen. Man kann schon fragen: Wer ist eigentlich nicht unzufrieden? Unzufrieden sind wir scheinbar alle mit mehr oder weniger recht. Und um so richtig unzufrieden zu sein, gehört immer der Fingerzeig auf andere.

Genau da holt uns das Gleichnis ab. Und es stellt uns eine Frage. Der Hausherr fragt einen der unzufriedenen Arbeiter: „Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?“ Darum geht es. Um Güte. Großherzigkeit. Um den falschen Neid auf andere. Unser zu enger Horizont soll geweitet werden. Die Bibel gibt nicht nur, wie man denken könnte, Antworten. Antworten auf unsere Fragen nach Gott und seiner Gerechtigkeit. Nein, umgekehrt. Jesus stellt unser Denken in Frage. Unsere Begriffe davon, was gerecht ist und was ungerecht. Die Bibel stellt uns in Frage, so herum wird ein Schuh daraus. In Frage steht unsere Unzufriedenheit mit der Welt, der Politik, mit Gott, mit uns selbst. Das ganze Paket. Wir sind gefragt und niemand kann sich dieser Frage entziehen. „Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?“

9 Uhr, 12 Uhr, 15 Uhr, 17 Uhr. Beinahe im Stundenrhythmus läuft die Geschichte auf seinen Höhepunkt zu. Schlag 18 Uhr erfolgt die Lohnauszahlung an alle. Keiner der Arbeiter geht leer aus, jeder bekommt etwas. Und zwar den üblichen anerkannten Tageslohn von einem Denar. Damit konnte man eine Familie einen Tag ernähren. Das würde Andrea Nahles als Arbeitsministerin freuen. Mindestlohn für alle. Ein Mindestlohn, von dem man leben kann. Das kann man wohl gerecht nennen.  Aber mit der Gerechtigkeit für die Arbeiter im Weinberg ist das so eine Sache. Sie will ja nicht unsere Art von Politik bestätigen, sondern uns herausfordern. Der Hausherr, der im griechischen Original übrigens „Hausdespot“ heißt, hat nämlich eine sehr eigene Lohngestaltung. Das würde wiederum den Arbeitsgeberpräsidenten Ingo Kramer freuen. Der Herr des Weinbergs hat seinen eigenen Haustarif und duldet keinen Einspruch seitens der Gewerkschaft. Jeder kriegt einen Denar, egal ob er den ganzen Tag in der Hitze geschuftet hat oder nur die Restarbeiten vollzog.

*

„Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?“ Dieser Satz des Hausherrn aus dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg rührt mich besonders an. Er ist der Schlüssel zum Verständnis dieses Evangeliums. Klar trifft mich diese Geschichte mit ihrer verqueren Gerechtigkeit. Natürlich bin ich neidisch, wenn jemand sich nicht die gleiche Mühe machen muss wie ich und etwas umsonst geschenkt bekommt. Ich denke wie diese Tagelöhner im Weinberg im Evangelium, die von der Frühe an in der Sonne geschuftet haben. Und dann kommen so ein paar Nachzügler, die den ganzen Tag faul herumstanden, schneiden eine Stunde lang ein paar Reben und den bekommen denselben Lohn. Ich schaue scheel und gelb vor Neid drein, wenn jemand etwas nachgeworfen wird, was ich mir erst mühsam erarbeiten muss.

Was braucht ein Mensch wirklich zum Leben? Drei Dinge braucht der Mensch: Freiheit, Hoffnung, Gerechtigkeit. Die Hoffnung, dass Gerechtigkeit nicht für immer Sehnsucht bleibt. Die Freiheit, dass Letzte Erste werden können. Und dass die Ersten, die immer alles an sich raffen, auch mal hinten anstehen müssen. Einen Denar, den Tageslohn für einen fleißigen Arbeiter. Das braucht der Mensch. Wer den in der Tasche hatte, wusste: Damit bekomme ich meine Familie satt, und gerecht ist das natürlich auch. Und dann? Das Beste wäre noch dazu ein sonniges Gemüt. Dass man sich sagt: „Ich habe alles, was ich brauche.“

Aber wer sagt schon zufrieden zu sich: „Ich habe doch alles.“ So tickt der Mensch in den seltensten Fällen. Was uns tief in den Kleidern steckt, das ist der Neid. Eine Todsünde, lehrt die Kirche. Der eine denkt: „Bei dem, was ich im Leben leiste, ist ein Silbergroschen doch recht dünn. Vergleiche ich mich mit dem dort. Der macht nicht ein Drittel vom dem, was ich tue. Und kriegt am Ende das Gleiche raus. Das kann doch nicht sein.“ So fällt fix das Urteil: Diese Welt ist ungerecht. Unzufriedene Menschen richten eine Menge Schaden an. Sie vergiften das Klima des Miteinanders. Sie verätzen den guten Ton. Sie untergraben den sozialen Frieden.

*

Die Pointe ist die Güte des „Hausdespoten“. Und unter seiner Maske dürfen wir uns Gott denken. Das, was Gott in dieser Welt wirkt und tut, ist oft nicht zu erkennen. Aber man kann ihn und seine Güte und Großherzigkeit erkennen. Der Herr des Weinbergs hat den Arbeitern, die sich betrogen fühlten, tatsächlich ein unglaubliches Geschenk gemacht: Er hat ihnen die Möglichkeit der Freundschaft  eröffnet, er hat ihnen die Möglichkeit der Freiheit von den versklavenden Dingen aufgetan. Und er hat ihnen gute Arbeit gegeben. Das ist allerdings ein ganz anderer Gewinn als der, den sie sich erhofften. Sie hofften nur für sich selbst. Er aber gibt ihnen eine Hoffnung, bei der die Letzten Erste werden können und Erste zu Letzten abrutschen können. Eine aber letztlich, bei dem niemand für immer Verlierer bleiben muss.

Gott hat kein Kleingeld. Auch dem Arbeiter, der nur eine Stunde gearbeitet hat, gibt er den vollen großen Lohn. Mit Pfennigbeträgen hält er sich nicht auf. Gott hat keinen Stundenlohn zu bieten. Er belohnt den, dem die Arbeit leichter von der Hand geht, genauso großzügig, wie den, der sein Pensum nur mit Ach und Krach schafft. Worauf es ihm ankommt, ist, dass wir uns mit ganzer Kraft, mit ganzem Herzen und ganzer Seele für ihn einsetzen. Gott ist großzügig im Geben. Es gibt keinen himmlischen Punktestand. Es gibt kein Sparkonto für gute Taten. Es gibt keine göttliche Checkliste zum Eintritt ins Paradies. Keine Sammelpunkte und kein Mengenrabatt. Es gibt nur eins, das zählt: Das sind wir selbst. Bei ihm sind wir die Ersten.

Es ist ein frommes Vorurteil, wenn wir meinen: Bei Gott kriegt jeder, was er verdient hat. Nein, sagt Jesus hier sehr klar. Das Reich Gottes ist nicht der große Zahltag!

Nicht die Abrechnung, bei der jedem sein Lohn zugeteilt wird. Gottes Uhren sind keine Stechuhren. Es kommt darauf an, ob wir uns rufen lassen. Aus der Unzufriedenheit in die große Freiheit der Kinder Gottes. Egal, wie weit dein Lebenstag fortgeschritten ist. Heute sind wir gefragt: Machst Du mit?

Lässt Du dich ein auf Jesus? Du bist gefragt. Amen.


 
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