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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

Bildmeditation „Abendmahl IV"                               (2008 von Ben Willikens)

Pastor Frank Mühring                            Gründonnerstag, 17.4.2014

Liebe Gemeinde,

ein nackter Tisch mit weißem Tischtuch. Leerer, kalter Raum. Fenster, die nirgendwohin führen. Türen, die an Stahltüren im Gefängnis erinnern. Die Szene erinnert an einen unwirtlichen, unterkühlten Konferenzsaal des 21. Jahrhunderts. Trotzdem kommt uns Betrachtern die Szene bekannt vor: Richtig, man fühlt sich erinnert an das berühmte Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci. Doch hier, bei Ben Willikens Bild „Abendmahl“, ist alles anders. Wo haben sich die Menschen hin verflüchtigt? Warum ist der Tisch nicht gedeckt? Wo sind Brot und Wein und die Farben geblieben, warum ist Jesus nirgendwo zu finden und weshalb ist alles weiß und grau? Fragen über Fragen.

Dieses Bild mutet uns etwas zu. Moderne Kunst ist wie so oft eine „Zumutung“. Man braucht Mut, um diese Leere zu betrachten und sich nicht gleich wieder anzuwenden. Kein Wunder, dass mancher Kirchenmann gegen dieses sterile Szenario protestiert hat. So darf man doch nicht das Abendmahl darstellen, da fehlt ja aber auch alles!

Ganz so modern ist dieses Bild, das seit ein paar Jahren im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt hängt, keineswegs. Es ist im Jahr 1977 entstanden. Der Künstler Ben Willikens schreibt dazu, dass er das Abendmahlsbild als junger, zorniger Mann erschaffen habe. „Ich habe das Bild ohne Auftrag gemalt, mit Mitte dreißig, wo man noch Geld verdienen muss“, schreibt er. Für ihn sei es der Abschluss einer finsteren Zeit gewesen. Im Zorn und voller Wut, ohne Hoffnung habe er es gemalt. Damals habe er nur gebrochene Versprechen gesehen: Was habe das Christentum in der Welt schon bewirken können? Alles Lüge, alles leerer Tand, habe er bei sich selbst gedacht.

Willikens hat ein Bild ohne irgendetwas Menschliches gemalt; nicht mal Spuren menschlicher Anwesenheit sind in dieser sterilen Perfektion enthalten. Kein Brotkrumen, kein Knick im Tischtuch, kein abgerückter Stuhl. All das, was wir Christen vom Abendmahl wissen und was uns wichtig ist, fehlt: Jesus und seine Jünger. Brot und Wein. Der Schmerz der bevorstehenden Trennung und die kostbare Nähe der letzten geteilten Augenblicke. Der Verrat. Die ganze Dynamik des letzten Abends zwischen all diesen Figuren, die Leonardo uns so plastisch vor Augen führt. Nichts von alledem. Vom letzten Abendmahl bleibt uns nur eine Hülle: Nur ein Raum, ein Tisch und gleißendes Licht.

Hat das Abendmahl in unserer modernen Welt zwischen Glas und Stahlbeton so sehr an Bedeutung verloren, dass es nicht mehr zu feiern lohnt? Sollten wir Christen es auch lieber lassen? Oder werden die Gäste vielleicht noch kommen – und der Tisch wird gerade bereitgestellt? Die Antwort bleibt in der Schwebe.

Ben Willikens hält unserer Zeit ein Spiegelbild vor Augen. Trostlos und leer ist eine Welt ohne Gott. Kalt ist eine Welt, in der Menschen keine Gemeinschaft mehr finden. Grau wird das Angesicht der Erde, wenn alle menschliche Werte verraten werden: Liebe, Freundschaft, das Leben selbst. 

Zielsicher hat der Künstler seine Anklage datumsmäßig auf den Gründonnerstag gesetzt. Es ist der Abend, der alles entscheidet.  An diesem Abend wird die grundsätzliche Gefährdung der Gemeinschaft spürbar. Dieser Abend atmet das Gefühl von Krise, er ist durchwirkt von der Angst der Jünger. Es liegt Spannung in der Luft, was aus dem Leben Jesu wird. Wir würden heute sagen: Am Gründonnerstag ist das ganze Jesusprojekt gefährdet. Alles steht an diesem Abend gegen Jesus. Von außen Hohepriester und römische Machthaber. Aber beinahe noch schmerzvoller noch bedrückender und näher die Gefährdung von innen: Jesus thematisiert das: „Einer wird mich überantworten“, der Verräter ist jetzt dabei. Wer verraten wird, der verliert alles Vertrauen, dem wird der Boden unter den Füßen weg gezogen, der ist gänzlich auf sich alleine gestellt und einsam. Die Gefährdung von innen geht an diesem Abend nicht allein von Judas, einem Einzelnen aus, sondern die ganze Gemeinschaft steht auf dem Spiel. Es bleibt nur ein Abgrund von Leere, wo Menschen ihren Gott und ihren Glauben und ihre Träume verraten. Das Leben wird farblos ohne die Liebe, ohne Hoffnung, ohne Glauben.

Ich lese das Bild so: Da sind noch Plätze frei am Tisch des Herrn. Für dich und mich. Wir sollen eintreten in das Bild, uns einen Stuhl holen, es mit unserem eigenen Leben füllen. Leben teilen und lebendig glauben! So leer und grau darf das Leben nicht bleiben. Erinnern wir uns doch an das, was das Leben farbig macht und die Seele sättigt! Ein kleines Stück Brot, mir von einem anderen gereicht mit den Worten: „Für dich gegeben.“ Ein Schluck Wein, der auf der Zunge prickelt. Ein Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Menschen, die so verschieden sie auch sein mögen, an einem Tisch im Gespräch über Gott zueinander finden. Das ist für mich Kirche, und am Gründonnerstag ist so etwas möglich.

Trotz der Schwäche menschlichen Seins mit all unserer Unversöhnlichkeit und Kleinlichkeit markiert dieser Tag einen Neuanfang.  Jesus Christus zeigt uns an diesem Tag seinen Gott. Einer, der auch den Verräter und Sünder aushält. Der da bleibt, auch wenn alle weggegangen sind. Der uns nahe ist, wie fern auch von ihm geflohen sein mögen.

Der Tisch hier in St. Johann ist deshalb gedeckt und wir sind beim Namen gerufen. Wir dürfen kommen, so wie wir sind. Und wenn es gut geht, ist unsere Welt hinterher ein bisschen weniger grau. Und wir selbst tragen ein Stück Hoffnung aus dieser Kirche hinaus in die Welt.

Amen.

 
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