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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

Stückwerk Liebe“

Predigt zu 1. Korinther 13,1-13

Pastor Frank Mühring         Bremen, 7.2.2016

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Liebe Gemeinde,

Stückwerk, unser Leben bleibt Stückwerk. Ich denke dabei an meinen Besuch bei Herrn M. - einst war er eine große Nummer in Bremen. Geschäftsführer einer großen Firma mit vielen Angestellten. Dann kam das große Vergessen über ihn. Jetzt weiß er nicht mal mehr, wie seine Frau und sein Sohn mit Namen heißen. Es kostet seine Gesprächspartner viel Geduld und Liebe, sich mit ihm zu unterhalten. Mal steht er auf und geht einfach weg. Sätze, die Herr M. spricht, bleiben unvollendet. „Ich wollte doch noch …“ Seine Worte bekommen dann etwas Schwebe. Das Gemeinte bleibt vage. Lässt Raum, zu interpretieren. „Was wollten Sie, Herr M.?“ frage ich zurück. Herr M. denkt nach. „Ich wollte… “ Dann schüttelt er den Kopf und lächelt verlegen: „Eben lag es mir noch auf der Zunge.“

Sein Blick wandert zum Fenster. Er schaut auf die Häuser draußen. „Ich bin so vergesslich geworden.“ Herr M. schaut mich fragend an, als ob ich vielleicht seine Gedanken wüsste. Die Worte aus ihm herauslesen könnte. Und in diesem Moment wünschte ich, ich könnte es. Ihm meine Worte leihen und die Bruchstücke seiner Erinnerungen wieder zusammenfügen. Denn seine eigenen zerfallen in Einzelteile, vergilben wie eine alte Fotografie. Eines Tages wird man nichts mehr darauf sehen können – wie in einem Spiegel, der dunkel geworden ist. Was ist ein Mensch ohne seine Erinnerungen? Ist seine Existenz gescheitert am Ende? Wozu hat er ein Leben geführt, wenn es in ein großes Vergessen mündet?

*

Der Apostel Paulus denkt über den Menschen nach. Unser Wissen ist Stückwerk, schreibt Paulus. „Jetzt erkenne ich nur stückweise.“ Ich werde es nie ganz wissen. Wer ich bin. Wer Gott ist. Was ich hier auf Erden tun soll. Der dement gewordene Geschäftsführer ist kein Einzelfall. Was ich an Paulus schätze, das ist sein radikal ehrlicher Blick auf den Menschen. Hör auf dich zu optimieren. Schluss mit dem Traum von Ganzheitlichkeit. Unser Leben bleibt bei allem Erfolg immer Stückwerk.

Der evangelische Theologe Henning Luther, der mit 43 Jahren viel zu früh an AIDS starb, spricht vom „Leben als Fragment“. Unser Leben besteht aus Bruchstücken. Es bleibt unvollendet, unfertig und doch gehört es zu einem größeren Ganzen. Er sagt: Wir Menschen sind immer auch Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Doch seltsamerweise klingt das bei Henning Luther gar nicht traurig. Verstehen wir unser Leben als Fragment, können wir aufatmen und leben. Denn ein Fragment, ein Teil, ist immer mehr als nur ein Bruchstück, weil es über sich hinausweist. Es weist auf Gott hin. Auf das, was noch aussteht in einem Leben und auf das, was noch werden kann. Auf das Ganze, zu dem es gehört.

 

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Eigentlich ist über die Liebe alles gesagt. Schon zu Zeiten des Paulus. Liebe ist vermutlich das am häufigsten gebrauchte Wort in den Gedichten, Schlagertexten und Schundromanen. Und doch muss Paulus die Liebe loben. Liebe ist bei ihm nicht rosarot oder brautkleidweiß, Liebe ist bei Paulus harte Arbeit. Denn Liebe ist für den Apostel sehr viel mehr als romantisches Gefühl oder ein weichgezeichnetes glückliches Leben zu zweit. Und natürlich wusste Paulus: Auch unser Lieben bleibt auch im besten Leben Stückwerk. Wer den Menschen kennt, weiß um das Verfallsdatum der Liebe.

Liebe ist für Paulus etwas Großartiges. Eine Himmelsmacht. Sie ist eine Gabe, ein Geschenk Gottes. Sie lässt es mich aushalten, dass mein Leben begrenzt ist. Dass all mein Tun ein Fragment bleibt. Sie ist ein Stück Ewigkeit mitten im vergänglichen Leben.

Deswegen lehrt Paulus die Seinen die Sprache der Liebe. Die damaligen Weltsprachen waren Latein und Griechisch. Paulus konnte beides, er war ein gelehrter Mann. Aber er wusste auch: Das nutzt mir gar nichts, das bleibt ein Blabla, wenn ich keine Liebe zu den Menschen habe, denen ich das Evangelium predige. Selbst wenn ich wie ein Engel reden könnte, wäre das zu nichts nütze. Wie reden Engel? Betörend und überzeugend, lieblich und mit großer Kraft? Alles zwecklos, wenn es ohne die Liebe geschieht.

Paulus sagt: Ohne Liebe zu reden, das heißt „ein tönendes Erz“ oder eine „klingende Schelle“ zu sein. Erz, das meint Mineralien, wie sie unbearbeitet in der Natur vorkommen. Wenn man Erz abbaut, dann hat man es nur mit allerlei Verunreinigungen und Ablagerungen vermischt. Genauso seid ihr Menschen, wenn ihr die Liebe nicht habt, wie unreines Erz!  Ohne Liebe wird man das Unedle, Verschmutzte und Sündhafte von euch wahrnehmen, aber nicht das Gute. Wenn ihr Gottes gute Nachricht von der Liebe Christi weitergebt, aber selber keine Liebe im Herzen habt, dann ist es kein Evangelium. Genauso ist die klingende Schelle. Schellen sind so etwas wie die Becken eines Schlagzeugs. Sie klingen blechern und nicht aus sich heraus und für sich allein genommen schön, sondern erst im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten. „Ohne Liebe redest du Blech“ würde Paulus vielleicht heutzutage sagen. Wenn ich brillant und überzeugend reden könnte, wenn ich einen bärenstarken Glauben hätte, wenn ich alles für die Armen gäbe, dann brauche ich immer noch die Liebe, sonst wäre ich nichts.

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Paulus kennt noch eine andere Seite der Medaille und warnt davor. Gerade eine aktive Gemeinde wie unsere muss sich davor hüten: Gute Taten, sich Kümmern um Arme und Flüchtlinge – all das ohne Liebe – das wird schnell eine Glanz- und Gloria-Schau fürs eigene Image. Das lehnt Paulus ab. Die Liebe hat nicht den eigenen Heiligenschein zum Ziel, sondern das Heil und Wohl des Nächsten.

„Liebe bläht sich nicht auf“, schreibt Paulus uns ins Stammbuch. Sie macht keine dicken Backen. „Liebe ist geduldig und hat Langmut. Liebe freut sich an der Wahrheit und nicht über Unrecht!“ Und so ringt sich Paulus zu seiner wohl größten Erkenntnis durch, die heute noch in aller Munde ist: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Er, der Meister des Glaubens, sagt uns dieses Wort. Das kommt unerwartet. Denn Paulus war es, der erkannte: Nicht unsere guten Taten machen uns vor Gott gerecht, sondern allein der Glaube. Doch Glaube ohne Liebe, das bleibt blutleere Dogmatik. Und Hoffnung ohne Liebe, das ist bleibt Stückwerk.

Unser Wissen bleibt Stückwerk, unser Lieben auch. So ist es. Auch wenn wir noch so sehr lieben – das garantiert uns nicht unbedingt ein glückliches Leben. Liebe führt nicht immer zum Glück. Aber weil Liebe eine Himmelsmacht ist, schenkt Gott sie uns immer wieder neu. Und manchmal liebt man dann eben trotzdem. Man liebt, obwohl die Liebe nicht erwidert wird. Man liebt, obwohl es den anderen kalt lässt. Man liebt, obwohl eine Krankheit oder gar der Tod den geliebten Menschen uns wegnimmt. Man liebt den dement gewordenen Vater oder die vergessliche Mutter – trotzdem. Echte Liebe, die von Gott her kommt, hat auch immer etwas Trotziges.

Hanns-Dieter Hüsch, der wunderbare Kabarettist hat das Trotzige der Liebe einmal so ausgedrückt: „Ich setze auf die Liebe. Wenn Sturm mich in die Knie zwingt und Angst in meinen Schläfen buchstabiert, ein dunkler Abend mir die Sinne trübt.“ Ich setze auf die Liebe. Das sollten wir auch. Liebe setzt zusammen, was in unserem Leben bruchstückhaft ist. Sie lässt uns über alles Unfertige, Vorläufige hinwegsehen. Liebe ist auch stark genug, in den unfertigen Teilen unseres Lebens das Ganze zu sehen. Liebe ist die Lebenshaltung, die mit den Fehlern und Makeln des Menschen umzugehen weiß. Sie ist geduldig genug, um neben mir auch die Sichtweise des anderen gelten zu lassen. Liebe ist mehr als ein Rezept zum Glücklichsein: Sie ist die Fähigkeit, die wir brauchen, um auch mit dem Unglück umzugehen. Sie gibt uns Kraft, auch im Leiden standzuhalten.

Damit sind wir nicht allein. Wir haben als großes Vorbild den, der genug Liebe hatte, um unerträgliches Leid auf sich zu nehmen. Jesus. Er wurde nur 30 Jahre alt. Sein Leben war ein Fragment. Es brach einfach so ab, vorzeitig, am Kreuz. Aber Jesus hatte die Liebe in sich. Stückweise. Damit hatte er alles.

Amen.


 
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