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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Ein Mensch, von Dämonen befreit“

Markus 5,1-20

Pastor Frank Mühring       Bremen, 7.9.2014

Und sie kamen ans andere Ufer des Sees in das Gebiet der Gerasener. Und als er (Jesus) aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch mit einem unreinen Geist entgegen. Der hatte seine Behausung in den Grabhöhlen, und niemand konnte ihn fesseln, nicht einmal mit einer Kette. Denn er war oft mit Ketten und Fußfesseln gebunden worden, aber die Ketten waren von ihm zerrissen und die Fußfesseln zerrieben worden, und niemand war stark genug, ihn zu bändigen. Und die ganze Zeit, Nacht und Tag, verbrachte er schreiend in den Grabhöhlen und auf den Bergen und schlug sich selbst mit Steinen. Und als er

Jesus von weitem sah, lief er zu ihm und fiel vor ihm nieder und schrie mit lauter Stimme: „Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht!“ Er hatte nämlich zu ihm gesagt: „Fahre aus, unreiner Geist, aus dem Menschen!“ Und er fragte ihn: „Was ist dein Name?“ Und er sprach zu ihm: „Legion ist mein Name, denn wir sind viele.“ Und er bat ihn vielmals, sie nicht aus der Gegend wegzuschicken. Es weidete aber dort am Berg eine große Herde von Schweinen, und sie baten ihn: „Schicke uns in die Schweine, damit wir in sie fahren können.“ Und er erlaubte es ihnen. Und die unreinen Geister fuhren aus und fuhren in die Schweine, und die Herde stürmte den steilen Abhang hinunter in den See, ungefähr zweitausend (Tiere), und sie ertranken im See. Und

ihre Hirten ergriffen die Flucht und berichteten in der Stadt und in den Dörfern davon. Und (die Leute) kamen, um zu sehen, was da passiert war, und sie kommen zu Jesus und sehen den Besessenen dasitzen, bekleidet und vernünftig, ihn, der die Legion (unreiner Geister) gehabt hatte, und sie fürchteten sich. Und die es gesehen

hatten, berichteten ihnen, was mit dem Besessenen geschehen war und über die (Sache mit den) Schweine (n). Und sie fingen an, ihn zu bitten, aus ihrer Gegend

wegzugehen. Und als er in das Schiff stieg, bat ihn der, der von Dämonen besessen gewesen war, dass er bei ihm bleiben dürfe. Aber er ließ ihn nicht, sondern

sagte ihm: „Geh nach Hause zu den Deinen und berichte ihnen alles, was der Herr dir getan hat und wie er sich deiner erbarmt hat.“ Und er ging weg und verkündigte in der Dekapolis (im Gebiet der Zehn Städte) alles, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.   (Markus 5,1-20)

Liebe Gemeinde!

Eine tolle, unbegreifliche Geschichte! Jesus befreit einen Menschen, der wie tot war und schenkt ihm neues Leben. Solche Geschichten sind wie reines Quellwasser. Klares, unverfälschtes Evangelium. Man sollte jede Woche darüber predigen. Mit dieser Geschichte von der Heilung eines Gefesselten stellt es sich anders dar. Aus irgendeinem Grund hat sie es nicht geschafft in den Kanon der sechs Predigtreihen. Nur alle Jubeljahre hören wir davon, wie einer seine Fesseln los wird und die Dämonen aus seiner Welt ausgetrieben werden. Vermutlich liegt es am Reizwort dieser kurvenreichen Episode: Dämonen. Besessenheit, Exorzismus und böse Geister - das alles passt mehr nicht in unsere Zeit, denken wir. Engel, diese lieben himmlischen Helfer, akzeptieren wir wohl gern. Aber ihre Gegenspieler, die Dämonen - die wären wir gerne ein für alle Mal los. Markus nimmt uns mit an „das andere Ufer“. Aus unserer bürgerlichen, aufgeklärten Welt in eine Zone, wo das Böse aktiv ist. Wo Menschen vegetieren, denen „ein Dämon im Nacken sitzt“. Wir verstehen die Erzählung nur, wenn wir das Ufer der Aufklärung verlassen und mitfahren in diese andere, dunkle Zone der Schatten.

Wie geht es da zu, in der anderen Welt? Nicht schön. „Und als Jesus aus dem Boot stieg, kam ihm sogleich aus den Grabhöhlen ein Mensch mit einem unreinen Geist entgegen.“ Einer, der lebendig und doch wie tot war. Geschult in heutiger Psychologie könnte man sagen: Ein Angstbesetzter, ein hysterisch Umhergetriebener, ein Obdachloser, der nirgends Heimat finden konnte, einer, der sich selbst ritzt und verletzt, ein Suizidgefährdeter. Und dennoch steckt in dem Wort „Besessener“ noch mehr.

In Bethel bei Bielefeld, wo ich studiert habe, gab es ein Haus, das man das „Haus ohne Klinken“ nannte. Psychisch Kranke waren dort untergebracht. Einmal brachte ich einen Rollstuhlfahrer dorthin und fuhr ihn in sein Zimmer. Als ich gehen wollte, merkte ich: Ich komme nicht raus ohne fremde Hilfe. Keine Türklinke, die ich drücken konnte. Ich war gefangen. Bange Minuten vergingen, bis jemand kam, um mir wieder die Freiheit zu schenken. Genauso muss sich der besessene Mann gefühlt haben: Gefangen, gebunden, gefesselt. Und da öffnet sich die Geschichte zu uns hin: Jeder Mensch hat Dinge im Leben, die ihn fesseln und hindern, ein freies Leben zu führen. Was fesselt dich und was hindert dich, frei zu sein?

 

*
  

Am Ende der Geschichte steht der schlichte Satz: „Und alle staunten.“ Religion und Glaube haben es weniger mit dem Fürwahrhalten als mit dem Staunen zu tun. Über Gott und seine Taten. Mit Kräften der Befreiung, die dein Leben total verwandeln. Erstaunliches passiert hier, jedenfalls für die frommen Juden der damaligen Zeit. Denn Jesus, der sich nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt fühlte (Matth 15,24) - dieser Jesus begibt sich auf fremdes Terrain. Auf die gegenüberliegende Seite des galiläischen Meeres! In das heidnische Gebiet der Dekapolis. Jesus out of Juda, in einem Gebiet, das unter der unmittelbaren Herrschaft der ganz und gar heidnischen Römer steht. Jesus geht dahin, wo er nicht hingehört. Und damit beginnt das Evangelium. Jesus geht über Grenzen hinweg, über Grenzen der Konvention und der üblichen Ordnung hinaus. Er verlässt den „normalen Rahmen“. Eine Ermutigung für uns, die wir Gott im Alltag kaum noch spüren, ihn neu zu suchen. Auf ungebahntem Wege und unbekannten Terrain. Gott ist nicht nur auf den üblichen Bahnen zu finden, seine Macht endet nicht an den Grenzen, die wir zu ziehen gewohnt sind. Gott ist auch da, wo man nicht mit ihm rechnet. Erstaunlich.

In diesem anderen Land namens Gerasa sind die Verhältnisse nicht so, wie man sie sich wünscht. Ein bisschen Gerasa erleben wir derzeit lebendig vor unseren Augen. Da sehnen wir uns 100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkrieges nach Frieden, doch im Osten der Ukraine am anderen Ufer von Europa herrscht Krieg und Chaos. Gerasa ist das Schattenreich. Der Ort, wo die verdrängten Probleme offenkundig sind. Nur dort kann in den Grabeshöhlen kann ein von Dämonen besessener Mann leben. Seinen Namen kennen wir nicht. Aber für ihn trifft zu, dass er fern von dem wahren Leben ist. Seine Not beschreibt das Evangelium drastisch. „Keiner konnte ihn mit Fesseln binden.“

In jener Anstalt in Bethel lernte ich Norbert kennen, einen behinderten Mann, der unter Epilepsie litt. Immer wieder legte ihm diese Krankheit Fesseln an. Wie er nach einem Anfall fühlen würde, habe ich Norbert gefragt. Seine Antwort habe ich bis heute nicht vergessen: „Gewitter im Kopf“. War es ein Gewitter im Kopf oder in der Seele, das der dämonengeplagte Gerasener erleiden musste? Überliefert ist vor allem die Abwehr gegenüber dem, der ihn um seine Heilung willen gekommen ist: "Was habe ich mit Dir zu schaffen, Jesus?" Der Mann ist offensichtlich hin und her gerissen. Einerseits fühlt er sich von Jesus unwiderstehlich angezogen. Andererseits reagiert er aggressiv auf diesen plötzlich in sein Leben eintretenden Anderen. Solche Besessenheit ruft entsetztes Erstaunen hervor: ein entsetztes Staunen darüber, dass es so etwas Böse wirklich in dieser Welt gibt. Das Böse aber muss weichen, wo das Gute den Raum einnimmt. Der größte christliche Philosoph Augustinus lehrte: Das Böse ist das Nichts, ist die Leere von Sinn. Aber leben wir Menschen aus Gottes Sinnfülle, wird das Böse an den Rand gedrängt. Dennoch es hat einen ungeheuren Expansionsdrang, - schon unsere Trägheit und unsere Angst, ein Quäntchen Wohlleben zu verlieren, lässt uns kapitulieren.

*

So weit kommt es im Markusevangelium zum Glück nicht. „Und alle staunten.“ Nun staunen die Leute über Jesus voller Bewunderung. Sie staunen, weil es auch an diesem heidnischen Ort des Todes Hilfe gibt. Und wenn es dort Hilfe gibt, warum nicht auch für uns! Die Hilfe kommt im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat und neues Leben schafft, täglich neu. In seinem Namen ist Jesus von Nazareth unterwegs. So tritt er den Mächten des Verderbens entgegen: unaufgeregt, aber konzentriert. Mein Sohn würde sagen: cool. Ich sage: souverän. Mit einer selbst den Dämonen imponierenden Souveränität tritt Jesus diesen entgegen - und besiegt sie. Dämonen haben nach der Auffassung der alten Welt einen Namen. Nur wenn man ihren Namen kennt, kann man sie in die Flucht schlagen.

Das mutet uns modernen Menschen wiederum reichlich abstrus an. Und doch muss man nicht Siegmund Freud gelesen haben, um zu wissen, dass wir identifizieren müssen, was uns krank macht. Nur ein identifiziertes Übel lässt sich bekämpfen. Und wenn man ein Übel beim Namen zu nennen vermag, kann man tätig werden. Genannt - gebannt. Und deshalb will Jesus den Namen der zu bekämpfenden bösen Geister wissen, während diese ihren Namen auf keinen Fall verraten wollen.

Jesus fragt: "Wie heißt Du?" Die Antwort: „Legion“ – viele, ziemlich viele. Es kommt heraus,  dass sie eine ganze Legion von Dämonen sind. Doch die vielen strecken ihre Waffen vor dem "Sohn des höchsten Gottes". Sie wollen, wenn sie schon ausfahren müssen aus dem geplagten Menschen, wenigstens in die Schweineherde fahren, die nebenan weidet. Da lacht der jüdische Erzähler. Und die christlichen Zuhörer dürfen mitlachen. Denn das Schwein ist im Alten Testament, wie auch im Koran, das kultisch unreine Tier schlechthin. Wenn die unreinen Geister irgendwo hingehören, dann in die unreinen Schweine. Dort finden sie den ihnen angemessenen „Sitz im Leben“. Befreites Staunen bei denen, die es gesehen und gehört haben.

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Das brauchen wir, liebe Gemeinde. So viel notwendige Geistesgegenwart, um die Dämonen unserer Zeit zu entlarven. Und es gibt sie: in der Politik, in der Wissenschaft, in der Kirche. Als Stasi-Chef Mielke in der Volkskammer der DDR erklärte: "Aber ich liebe Euch, ich liebe Euch doch alle", da erntete er schallendes Gelächter. Das Böse lächerlich machen - das ist der Anfang vom Ende aller Dämonien. Für sich selber sind sie nichts. Nur wenn sie von einem anderen Besitz ergreifen, haben sie Macht. Und der, der von ihren Fesseln befreit ist, ist ein neuer Mensch. Sie sahen ihn da sitzen, erzählt Markus, „bekleidet und vernünftig.“ Christen, die vom Tod errettet sind, können ganz vernünftige Menschen sein.

Ach Jesus, komm auch in unser Reich der Schatten. Lenke dein Boot auch an unser Ufer. Durchbrich die Herrschaft der unbeherrschten Gewalten, die uns immer wieder zu erobern versuchen. Mach uns frei. Auch von uns selbst. Mit deinem Lebensmut werden wir keinem Wahn hilflos ausgeliefert sein. Lass uns staunen über die großen Taten Gottes. Wer lachend staunen und wer staunend lachen kann, der ist nicht fern vom Reiche Gottes.

Amen.


 
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