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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Sternschnuppenzeit“

Predigt zu Lukas 21,25-33

Pastor Frank Mühring         Bremen, 7.12.2014

 

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: Wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.     Lukas 21,25-33

Liebe Gemeinde!

Advent ist Sternschnuppenzeit. Zeichen geschehen am Himmel und auf der Erde. Und Zeichen müssen gedeutet, entschlüsselt werden. In biblischer Zeit hieß es dann oft: „Und ein Engel erschien“. Oder ein Prophet trat auf, der den Menschen sagte, was die Sternschnuppe, der Komet oder das Erdbeben zu bedeuten hatte. Wir leben nicht mehr in biblischen Tagen. Zu uns kommt kein Engel, kein strenger Prophet, der Zeichen deuten könnte. Wir müssen selber die Zeichen der Zeit deuten und einen Ausweg finden aus unserem Labyrinth. Und das ist manchmal schwer.

Advent ist Sternschnuppenzeit. Einer, der die Zeichen der Zeit deuten kann, ist Albert Einstein. In den Tagen des Advents 1918 schreibt der Nobelpreisträger einen Brief an seine Mutter Pauline. Gerade ist die krachende Niederlage des Deutschen Kaiserreichs gegen die Entente amtlich geworden. Ganz Deutschland trauert um den verlorenen Krieg. Um die gefallenen Söhne und Väter. Die Stimmung überall ist im tiefsten Keller. Doch Albert Einstein schreibt einen Brief voller Zuversicht und Aufbruch, der in dem Satz gipfelt: „Die Pleite hat Wunder gethan.“ (FAZ, 6.12.2014, S. 11) Er kommentiert die Katastrophe anders als die Masse. In der Niederlage liegt eine große Chance. Endlich ist Schluss mit dem feixenden Militarismus. Diese Pleite ist hart, aber sie ist noch nicht das Ende. Es gibt ein Leben jenseits der Katastrophe. Advent ist Sternschnuppenzeit. Es kommt darauf an, die Zeichen im Leben richtig zu deuten. Die richtigen Schlüsse nach dem Untergang zu ziehen.

So ist das im Leben. Manchmal zerbricht uns etwas im Leben, was uns wert und teuer ist. Die Liebe. Die Gesundheit. Der Zusammenhalt in der Familie. Je mehr sich rings um uns her der Advents- und Weihnachtszauber steigert, desto mehr empfinden wir: Unser Leben verläuft nicht immer in perfekten Bahnen. Je mehr von „Frieden auf Erden“ und „Geborgenheit“ die Rede ist, desto mehr spüren empfindsame Menschen: In meinem Leben ist so viel zerbrochen. Das ist die Stunde, wo wir die Zeichen der Zeit deuten müssen. Manche Pleite, so würde es Einstein sagen, tut Wunder. Ein Christenmensch darf sich sagen: Auch wenn meine Welt zerbrochen ist, es gibt immer einen neuen Anfang. Gott ist gerade denen nahe, die zerbrochenen Herzens sind.

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Advent ist Sternschnuppenzeit. Auch für den Evangelisten Lukas und seine Gemeinde. Auch ihr steckte eine Katastrophe in den Knochen. Der Tempel von Jerusalem war von den Römern zerstört und geplündert worden. Das Heiligtum der Juden, auf das auch die Christen mit Respekt geblickt haben. Der Ort, wo Gott anwesend war, ein Trümmerhaufen. Ein damals unvorstellbares Ereignis. Es fühlte sich an, als sei eine ganze Welt zerbrochen. Und damit auch der Glaube. Das Lukasevangelium benennt ziemlich exakt die Ängste der Menschen: “Auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde.“  Es fühlte sich an, als sei das Ende aller Zeiten gekommen. So, wie es die Deutschen nach den Weltkriegen 1918 und 1945 dachten.

Wie kann Gott uns jetzt noch nahe sein? Das war die alles entscheidende Frage für die Gemeinde des Lukas. Wenn das Zeichen des Tempels als Zeichen der Nähe Gottes ausfällt, müssen neue Zeichen her. Advent ist Sternschnuppenzeit. Wie kann man aus einer Katastrophe wieder neue Kraft schöpfen?

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Advent ist Sternschnuppenzeit. Lukas stellt ein anderes Zeichen in den Mittelpunkt als eine Sternschnuppe. Immer, wenn es kritisch wurde im Volk Gottes, hat Gott doch stets seine Rettung gesandt. Sein Zeichen ist nicht wie ein Komet am Himmel zu sehen. Sein Zeichen ist auch nicht der zerstörte Tempel. Sein Zeichen ist ein menschliches Zeichen. Jesus Christus, der Menschensohn. Er kommt als Erlöser und Befreier. Er befreit dich aus den düsteren Gedanken, die ständig deinen Kopf umwehen. Er löste die Bande an die Vergangenheit, die dich so sehr fesseln, dass du keine Zukunft mehr sehen kannst. Wenn für dich im Leben alles zerbrochen ist, dann halte dich an ihn. Dieser Jesus von Nazareth kann deine Welt wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Sein Wort tröstet. Sein Weg führt dich aus der Trauer zurück in eine Offenheit für das Leben. Und du brauchst auch nicht mehr auf weitere Zeichen vom Himmel zu warten. Er ist das endgültige Zeichen, das uns Menschen gegeben wird. Himmel und Erde werden vergehen, aber seine Worte werden nicht vergehen.

Jesus Christus wird für Lukas zum Zeichen einer neuen Welt, wo kein Krieg und keine Gewalt mehr herrschen wird. Wo alle Tränen der Menschen getrocknet sein werden. Christen waren schon immer Realisten. Aber Realisten mit Hoffnung. Denn die Wirklichkeit ist für uns Christen immer mehr und größer als das, was gerade ist. Zur Wirklichkeit gehört für uns auch, was sein wird; sprich: Hoffnung. Und weil das so ist, finden wir uns nicht mit der Dunkelheit und Zerbrochenheit der Welt ab. Sondern wir rücken zusammen, werden zu Freunden und zu einer Gemeinde, und wir zünden ein Licht an, mit dem wir gemeinsam zugehen auf das große Licht.

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Advent ist Sternschnuppenzeit. Was kann uns heute Hoffnung geben? Zunächst einmal muss man den Blick wieder frei bekommen. „Seht auf und erhebt eure Häupter!“ Das ist mehr als die Parole Kopf hoch, es wird schon weitergehen. Wer Zeichen deuten will, muss schon genau hinsehen. Seht auf Jesus Christus, der der Beginn einer neuen Welt ist. Dann wirst du nicht mehr gebeugt wie ein Fragezeichen durch die Welt schleichen. Der Blick auf ihn macht dich frei und löst dich von allen schwarzen Gedanken. Durch ihn werden selbst die Pleiten im Leben noch zu Siegen und Wendepunkten im Leben. Wir müssen die Augen offen halten und auf Jesus Christus blicken. Andere Sternschnuppen als er werden nicht kommen.

Die Augen offen halten - darin liegt auch der Sinn der Kirche in dieser Adventszeit. Denn die Kirche ist nicht für sich selber da. Sie soll die Menschen ermutigen, ihre Sehnsucht nach Gott wachzuhalten. Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht, eure Befreiung von Bindungen, von Sorgen, Verstrickungen und Sünden: Er-Lösung. Ent-bindung. Befreiung. Das ist der Kern des Evangeliums.

Der Jesus, der uns in unserem Kirchenfenster entgegenkommt - seine Augen sind offen. Suchend schauen sie aus nach dem Heil seines Gottes. Sein Haupt ist erhoben. Aufrecht bis zum Ende. Trotz allem, was ihn festhält und  herunterzieht. Nicht triumphierend, aber aufgerichtet. Ein Gerechter, ein Aufrechter. So wird er als der von Gott Erlöste unser Erlöser. Er gab sein Leben zur Erlösung für die Vielen.

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Wir alle haben normalerweise genug damit zu tun, auf uns selbst zu sehen. Auf unsere Interessen und unsere Probleme, auf das, was uns unmittelbar vor den Füßen liegt. Jesus aber sagt uns: Seht auf! Blickt weiter, schaut über euren üblichen Horizont hinaus. Bleibt nicht bei dem mit den Augen hängen, was Ihr schon kennt. Da ist noch so viel, was Ihr so noch nie gesehen und betrachtet habt. Achtet auf Zusammenhänge. Verändert immer wieder euren Blickwinkel. Von Jesus wird uns immer wieder dieser aufmerksame Blick berichtet. Er sah die Vögel unter dem Himmel und die Menschen an seinem Weg. Die Kinder, die vom Leben Verkrümmten und die an den Rand Geschobenen. Er sah den verschütteten Glauben in den scheuen Gesten der Menschen. Er sprach zu dem Kranken: „Sieh‘ mich an.“ Das wäre schön, wenn wir unsere Augen lösen von dem, was unseren Blick gefangen halten will und uns hinwenden zu dem, was Gott uns zeigen will. Und wenn der Himmel düster ist und die Perspektive begrenzt, dann sollten wir erst recht nicht aufhören, aufzuschauen zu unserem Gott.

Wer aufschauen will, kann gar nicht anders, als seinen Kopf zu erheben. Das tut gut. Das löst Verspannungen. Das richtet den ganzen Körper auf. Und die Seele auch.

Ich erinnere an den Lobgesang der Hannah aus dem Alten Testament: „Herr, ich habe mein Haupt erhoben. Ich kann meinen Mund weit aufmachen und lachen über meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.“  Gewiss muss sich auch ein Christ unter manche Gegebenheiten beugen. Er tut es aber freiwillig, um Lasten zu tragen, nicht um sich klein machen zu lassen oder sich zu beugen. Denn letztlich verneigt er sich nur vor seinem Gott. Und wird dabei ein aufrechter Mensch. Hier stehe ich. Es geht immer um Aufrichtung. „Seht auf und erhebt eure Häupter!“ 

Amen.

 


„Kriegskinder“ - DLF-Radiopredigt

Predigt zu 2. Korinther 5,10

Pastor Frank Mühring       Bremen, 16.11.2014

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“

(2. Korinther 5,10)

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde,

ich bin das Kind eines Kriegskindes. Wir müssen den Kriegskindern zuhören, wenn wir verstehen wollen, warum Krieg in Zukunft nach Gottes Willen nicht sein darf. Meine Mutter war acht Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Ostpreußen fliehen musste. Über den Krieg und die Flucht wurde bei uns zuhause der Mantel des Schweigens gebreitet. Meine Mutter konnte nicht darüber reden. „Wir wollen lieber von schöneren Dingen sprechen,“ erklärte sie, das Kriegskind, wenn das Thema doch auf den Tisch kam. Aber die Erinnerung holte sie doch immer wieder ein. Ein lauter Knall auf der Straße - schon war das Kriegsgeschehen wieder präsent. Dann war sie wieder das kleine Mädchen, das Angst hatte vor den Schüssen der Tiefflieger. Selbst wenn im „Tatort“ am Sonntagabend das Blut fließt, dann klagt sie oft noch heute: „Warum müssen wir uns das eigentlich ansehen, immer diese viele Gewalt?“ 

Am Volkstrauertag sollten wir den Kriegskindern zuhören. Ihren Fragen und Erzählungen. Und dem nachspüren, was sie verletzt hat. Dem, was sie uns Nachgeborenen verschwiegen haben, weil es unsagbar war. Die bitteren Erlebnisse des ersten und zweiten Weltkriegs haben die Kriegskinder tief geprägt.

Die „Unfähigkeit zu trauern“ hat man ihnen einst vorgehalten. Manchmal braucht es ein Leben lang, bis sich jemand traut offen vor anderen zu klagen: Meine Jugend ist mir genommen worden. Oder zu sagen: Mir ist damals Entsetzliches widerfahren. Viele trauen sich erst nach vielen Jahren der Verdrängung zu bekennen: Der Krieg hat mir Narben geschlagen. In meinen bösen Traumnächten kehrt alles wieder. Ich bin ein anderer, eine andere geworden. Auch die gefühlte Scham über die noch viel entsetzlicheren Taten der Väter und Mütter an den Juden ließ die Kriegskinder schweigen. Was ist mein Leid gegen das der anderen Mitmenschen? Nach dem Krieg haben auch die Kriegskinder Deutschland Stein für Stein wieder aufgebaut. Haben nach Wegen des Friedens mit den Nachbarvölkern gesucht. Aber die schweren Steine im Herzen, die kann man nicht einfach wegtragen oder beiseitelegen. Nichts lässt sich für immer verbergen.

Der Volkstrauertag kann ein Anlass sein, den Kriegskindern zuzuhören. Ihre Geschichten ähneln einander. Väter wurden vermisst. Ehemänner gerieten in Gefangenschaft. Der Krieg hat die Kriegskinder zu Menschen gemacht, denen viel unbeschwerte Lebenszeit geraubt wurde. Verbrannte Erde hat gebrannte Kinder hervorgebracht. Was für eine Lebenskunst, das Leben dennoch zu leben vor so viel aufgerichteten Kreuzen!

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Das Leben dennoch zu leben. Trotz der traurigen Erfahrungen von Verlust und Schmerz. Darum schreibt der Apostel Paulus der Gemeinde in Korinth einen Brief. Und in diesem Brief heißt es: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“  Das klingt beim ersten Hören eher bedrohlich. Wir sehen einen Gerichtssaal, dazu den Stuhl des Richters. Paulus erinnert die Seinen daran, dass Gott eines Tages über uns Menschen richten wird. Über das, was gut war, und das, was wir Böses getan haben.

 „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Obwohl das jüngste Gericht bei uns vermutlich eher Befürchtungen auslöst, behaupte ich: Das ist ein tröstlicher Gedanke. Denn einmal wird alles offenbar werden. Oder besser gesagt: Auf alle Menschen, auch auf dich und mich, fällt Licht von oben her. Der Schleier des Vergessens wird gelüftet. Gott kennt die Namen der Kriegskinder, die unter der bösen Zeit bis heute leiden. Gott kennt sie alle. Gott kennt deine Wunden, deine Scham, über das Vergangene zu reden. Gott kennt die Namen der Vermissten, die man irgendwo in einem Massengrab notdürftig verscharrt hat. Den Namen deines Vaters, der irgendwo in Russland als vermisst gemeldet wurde. Gott kennt den Namen deiner Großmutter, die im Regen der Brandbomben zu  Asche wurde. Gott kennt die Namen derer, die die Nazis per Dekret auslöschen wollten. Unvergessen soll jeder Name der Jüdinnen und Juden sein, die von uns Deutschen in die Gaskammern geschickt wurden. Am Ende der Zeit werden sie lebendig vor dem Richterstuhl Christi stehen. Nichts, weder Gutes noch Böses, wird dann mehr zu verbergen sein. Gott kennt auch die Namen der Täter, die ihr Tun am liebsten für immer verheimlichen würden. Die sich immer versteckt haben und die man nie vor Gericht zur Verantwortung ziehen konnte. Am Ende wird sich zeigen, dass es eben  nicht egal ist, wie wir unser Leben gelebt haben. Dass der Mantel der Geschichte nicht alles zudecken kann, was im Krieg oder im Alltag an Untaten geschehen ist. Am Ende haben nicht der Krieg und der Tod das letzte Wort, sondern Gott selber, der Gott alles Lebendigen. 

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Es ist nicht irgendein Richter, vor dem alle Menschen erscheinen werden. Kein „Richter Gnadenlos“. Da sitzt Jesus Christus auf dem Richterstuhl. Er, der einst  im harten Holz der Krippe „lag“ und die erbärmliche Not der armen Menschen kennt. „Ein Flüchtling war er“ mit seinen Eltern Maria und Josef und musste vor der Gewalt des mächtigen Herodes über die Grenze nach Ägypten ziehen. Er „hing“ am Kreuz und hat Gewalt und Folter am eigenen Leib erfahren. Er „stand auf“ am dritten Tag nach seiner Beerdigung. Dieser „sitzt“ jetzt auf dem Richterstuhl. Das will sagen: Jesus Christus ist der geheime Regent der Welt. Uns Menschen ist das bis heute verborgen. Unsere menschliche Vernunft reicht nur ein paar Jahre voraus bis zum Ende unseres Daseins. Wir können nur erkennen, dass in dieser Welt scheinbar nur die Kriegstreiber und Machtpolitiker die entscheidenden Schachzüge machen. Dass wir Menschen anscheinend nicht lernen, und der Frieden niemals von Dauer ist. Aber einmal wird dieses Treiben zu Ende sein.

Denn: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Auf diesem kleinen Wort „alle“ liegt die Betonung. Darin liegt, finde ich, großer Trost. Keiner wird sich davonmachen können. Kein Volk wird sich mehr über ein anderes stellen können. Alle werden im Licht Gottes stehen. Und ich vermute: Vieles, was wir vermeintlich für große Guttaten gehalten haben, wird hier anders bewertet. Und die, die wir vorschnell verurteilt haben, werden freigesprochen.
Vor diesem Richterstuhl zählen keine weltlichen Maßstäbe. Am Ende zählt das, was Jesus „gut“ und „böse“ nennt. Er wird ein gnädiger Richter sein. Das Gute wird er uns lassen und das Böse, Lieblose, Hochmütige und Menschenfeindliche von uns nehmen. Denn auf diesem Richterstuhl sitzt einer, der sein Leben aus Liebe für uns Menschen hingegeben hat.  

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„Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit.“ Schade, dass dieser Satz nicht in der Bibel steht. Robert Scholl hat ihn im Jahr 1943 gewagt, nachdem der nationalsozialistische Scharfrichter Freisler seine Kinder Hans und Sophie Scholl zum Tode verurteilt hatte. Seine Kinder waren im Widerstand gegen Hitlers Krieg aktiv. Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit. Eine andere Gerechtigkeit als die des Stärkeren und der Beugung des Rechts. Eine Gerechtigkeit, die den Krieg beendet und dem Leben der Menschen dient. Nichts anderes will Paulus sagen. Du sagst, das Leben sei nicht fair? Und dass es Krieg, den vermeintlichen Vater aller Dinge, immer geben werde, solange Menschen leben? Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit, die auf alle Menschen wartet.

Die Vorstellung vom jüngsten Gericht soll uns Christen nicht als Beruhigungsspritze dienen. So nach dem Motto: Dann wird der liebe Gott ja am Ende schon alles regeln. Er wird die Würde die Opfer wieder herstellen und die Kriegführenden verurteilen. Alles in Butter. So nicht! Wenn es so ist, dass ich eines Tages vor dem Richterstuhl Christi im Scheinwerferlicht stehe, dann soll mich das eher in Unruhe versetzen. In eine Unruhe des Glaubens. Ich soll mich -  solange es noch Zeit ist - auf den Weg des Friedens machen. Auf die Suche nach der anderen Gerechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, die sich aus der Liebe speist.

Meine Mutter, das Kriegskind, hat manchmal von dem Guten und Rettenden erzählt, das ihr auf der Flucht vor dem Krieg widerfahren ist. Ein verwundeter Soldat teilte im Zug mit ihr seine Portion Schokolade. Und ein mitfühlender Bauer lud unterwegs die ausgehungerte Familie zu Milch und Bratkartoffeln ein. Vielleicht kein besonders großer Schritt zum Frieden. Und doch - wenn es bei uns in der Küche nach Bratkartoffeln riecht, dann berichtet sie dankbar von damals. Von Milch und Kartoffeln nach dem großen Hunger. So ein einfaches Mahl hat dem Kriegskind den Mut zum Weiterleben erhalten.

Heute leben wieder Kriegskinder unter uns. Sinan und Bassel sind 5 und 7 Jahre alt. Ihre Familien sind aus Syrien geflohen. Sie wohnen bei uns im Stadtteil und haben einen Platz bei uns im Kindergarten gefunden. Ihre Wunden sieht man ihnen nicht an. Sie sind ganz normale Kinder. Und doch sind sie vor einem Jahr den Granaten und dem Gefühl permanenter Bedrohung entronnen. Werden Sinan und Bassel hier in Deutschland auf Menschen treffen, die ihre innere Not sehen können? Werden wir ihnen eine sichere Heimat bieten können, wo sie zur Ruhe kommen? Werden wir ihnen zu Nachbarn, denen sie eines Tages von ihren Erlebnissen erzählen können - ohne Angst? Einmal sah ich, wie Sinan und Bassel bei uns in der Mensa Bratkartoffeln aßen und Milch tranken. Inmitten der andere Kinder. Fröhlich sahen sie aus. Die beiden werden ihr Leben meistern. Irgendwie gab mir das ein gutes Gefühl. Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit.     

Amen.


 
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