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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Staunen über Gott“

Predigt zu Römer 11,33-36

Pastor Frank Mühring         Bremen, 22.5.2016

Denn Gott hat alle Menschen eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ (Jesaja 40,13) Oder „wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?“ (Hiob 41,3) Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.   (Römer 11,33-36)

Liebe Gemeinde!

Ein Astronaut war es, der uns Deutsche wieder das Staunen lehrte. Astronauten waren bislang coole Kerle mit Sonnenbrille und ernster Miene. Stählerne Piloten und knurrige Ingenieure zugleich, mit furchtlosem Humor ausgestattet. Sie sprachen in kurzen Sätzen und konzentrierten sich auf das Wesentliche. Ihre allerhöchste Emotionalität gipfelte in solchen Sätzen wie: „Houston, wir haben ein Problem“.

Bis vor kurzem. Ausgerechnet ein Deutscher hat verändert. Der Schwabe Alexander Gerst war 166 Tage im All und dabei kein bisschen Technokrat. Umso mehr aber staunender Mensch. Nun darf er erneut eine Mission auf der ISS leiten. Gerst hatte einen besonderen Mut. Er zeigte jede Menge Gefühle und teilte sie allen mit. Vor allem lehrte er uns per Satellitenkamera das Staunen. Alexander Gerst verbreitete Fotos und Videos in den sozialen Netzwerken von unserem blauen Planeten Erde. So filmte er zauberhaft glitzernde Polarlichter über Neuseeland. Aber auch Raketen, die zwischen Gaza und Israel hin und her flogen. Zigtausende flogen mit ihm um die Erde. Der Astronaut ließ alle lustvoll teilhaben an seinem eigenen, kindlichen Staunen. Manche seiner Sätze sind Legende geworden, Sätze wie: „Die Schönheit der Erde erkenne ich in einer Minute, die Zerbrechlichkeit sogar auf den ersten Blick.“

Das Staunen ist der Anfang aller Weisheit. Auch unser christlicher Glaube lehrt das Staunen: Mitten in einem minus 270 Grad kalten Weltall gibt es einen kleinen, blauen Planeten, auf dem Leben möglich ist. Mitten in der unendlichen Leere des Alls ist da in genau passender Entfernung eine Sonne, die Licht und Leben spendet. Mitten in einer 13 Milliarden Jahre währenden Weltgeschichte sind auf diesem kleinen, blauen Planeten Erde: wir – der Mensch. Es ist gut, dass es die Welt gibt, dass es Licht gibt. Es ist gut, dass wir staunen können. Kann es sein, dass die Erde einfach so da ist? Ist sie nicht ein Werk Gottes? Das Staunen ist der Anfang allen Glaubens.

*

Auch der Apostel Paulus staunt über Gott. Über seinen Reichtum, seine Weisheit, seine Erkenntnis und vor allem über sein Geheimnis, seine Unfassbarkeit.  Das Staunen über Gott. Das Staunen über das Leben. Gott ist nicht ein niedliches, kuscheliges Etwas. Kein „Knautsch-Teddy" für trübsinnige Stunden, kein Seelennarkotikum für Leute, die sonst nichts vom Leben haben! „Herr des Himmels und der Erde" ist er. Und das will sagen: Gott ist das unbegreifbare Sein. Er ist uns weit voraus, der Urgrund allen Lebens. Du fragst nach Gott? Zieh den Kreis nicht zu klein! Erde und Himmel können ihn nicht fassen. Und dieser große Gott, er hat mit mir kleinem Menschen zu tun. Er „übersieht“ mich nicht. Gott sieht mich an.

„Du siehst mich" (1 Mose 16,13). Das wird die Losung des kommenden Deutschen Evangelischen Kirchentags in einem Jahr, im Mai 2017 sein. Es wird um Gott, die Welt und uns Menschen gehen: ums Sehen und Gesehenwerden, um das Wahrnehmen und Wertschätzen. Davon, dass wir das Staunen neu lernen. Dass Gott uns sieht und mit uns geht. In meinem liebsten Psalm 139 heißt es: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.“

Wer so beten kann, der weiß sich Gott ganz nah. Du hast mich gemacht, mir das Leben geschenkt. Du hast mich schon gesehen, gedacht, gewollt, ehe ich bereitet war. Wer so betet, der fühlt sich Gott verbunden. Untrennbar. Aber ja auch irgendwie unentrinnbar mit ihm verbunden. Gott sieht tief in meine Seele hinein. Und er sieht darin mehr wohl als alle anderen, mehr als ich selbst. Ja, das ist schon irgendwie unheimlich. Aber es ist ja auch eine Entlastung. Ich muss mich gar nicht erst schön anziehen, große Gebete oder mir eine große Liebestat ausdenken, um Gott unter die Augen treten zu können. Ich muss mich nicht erst per Selfie ins beste Licht vor atemberaubender Kulisse setzen. Alles nicht nötig. Gott sieht direkt bis auf meiner Seele Grund. Und er sieht uns liebevoll an dabei. Es ist zum Staunen.

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Paulus staunt über die Größe Gottes. Er ist kein Astronaut. Aber auch er findet etwas schier unbegreiflich. Dass Gott uns liebt, obwohl wir Gefangene unseres Ungehorsams sind. Gott hat alle Menschen eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. Gott fordert von uns Menschen Gehorsam, sagt Paulus. Die Älteren von uns kennen noch die Zeiten, wo man ihnen bedingungslosen Gehorsam abverlangte. Ohne dass sie selbst überlegen durften. Das aber ist mein Paulus nicht. Gott fordert von uns nichts anderes, als dass wir ihn über alle Dinge lieben sollen und unseren Nächsten wie uns selbst. Der Ungehorsam, von dem Paulus spricht, in dem wir gefangen sind, ist nichts als verweigerte Liebe. Verweigerte Liebe lässt das Leben verkümmern.

Wir sind Gefangene unserer mangelnden Liebe. Das wirft Paulus uns vor. Dass wir Sünder sind. Schreckliches Wort! Du Mensch, bist ein Sünder. Aber was ist denn Sünde anderes als nicht gelebte Liebe. Wir wissen, was gut für den nächsten Menschen ist. Und tun es doch nicht. In unserem Herzen wohnt das liebe Wort, was den anderen stärkt. Aber wir trauen uns nicht, es zu sagen. Wir kennen alle Wege, wie man diese Erde zu einem besseren Ort machen könnte. Aber wir gehen sie nicht. Darüber staunt Paulus nicht. Es erscheint ihm eher typisch für uns zu sein.  Gott hat alle Menschen eingeschlossen in den Ungehorsam. Niemand hat einen Vorzug, weder Christen noch Heiden. Weder Fromme noch Gottlose. Alle sind vom rechten Weg abgewichen. Das wundert Paulus nicht, aber es schmerzt ihn.

Worüber er nur total staunt ist, dass Gott uns trotzdem seine Liebe nicht verweigert. Unserem verweigerten Gehorsam des guten Weges setzt Gott seine Zuneigung entgegen. Er erbarmt sich aller. Darüber kann Paulus nicht genug staunen. Der Mensch müsste sich mit all seiner Lieblosigkeit eigentlich verkriechen. Er sollte sich vor Gott verstecken oder weglaufen. Gott aber hält zu uns Menschen. Er verweigert uns seine Liebe nicht. Er ist da in aller Not und Unsicherheit und Angst. Er hält seine Hand schützend über uns. Er ist und bleibt, egal was wir tun oder lassen. Fiese Gedanken im Herzen gegen den Nachbarn oder gegen die politische Mitbewerber, egal. Gott ist Liebe und bleibt sich treu. Es ist zum Staunen.

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Es gibt eine schöne Geschichte des Kirchenvaters Augustinus. Der große Gelehrte und Denker ging an einem Strand spazieren. In der Ferne spielte ein kleiner Junge am Meeresstrand. Augustinus dachte darüber nach, wie er die Existenz und Größe seines Gottes, von welcher er überzeugt war, auch beweisen könne. Mit diesen seinen Gedanken beschäftigt, traf er bei den Jungen ein und sah ihm gedankenverloren bei seinem Treiben zu. Der Junge hatte in den Sand eine kleine Grube gegraben, und wurde nicht müde mit seinen Händen ein Gefäß zu formen, um es mit Meereswasser zu füllen, das er in die Grube leerte, wo es rasch versickerte.
Nach einer guten Weile, fragte Augustinus den Knaben, was er denn da mache, und dieser erwiderte, er wolle das große weite Meer in seine Grube füllen. Und blitzartig war Augustinus klar, dass er, der Mann der Kirche, niemals im Stande sein würde, Gott und dessen Existenz oder Nichtexistenz mit seinem kleinen Verstande zu erfassen. Wie es dem Jungen niemals gelingen könnte, das Meer auszuschöpfen.

Gott ist groß. Unser Kleinmut, unser mangelnder Glaube macht ihn klein. Wir müssen Gottes Größe neu entdecken. Es geht nur über das Staunen. O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!

Amen.

 

 
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