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Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

"Versöhnung ist möglich"

Predigt zu Genesis 50,15-21

Pastor Frank Mühring         Bremen, 8.7.2017

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater (Jakob) gestorben war, und sie sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir ihm angetan haben? Und sie gingen zu Josef, um ihm zu sagen: Dein Vater hat vor seinem Tod befohlen: So sollt ihr sagen zu Josef: Vergib doch den Brüdern die Missetat und die Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters. Aber Josef weinte bei ihren Worten. Und auch seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Da sprach Josef zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa an Gottes Stelle? Ihr hattet zwar Böses gegen mich im Sinn, Gott aber wendete es zum Guten, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. Und nun: Fürchtet euch nicht: ich will für euch und eure Kinder sorgen. Und er tröstete sie und redete herzlich mit ihnen.

                                                                                                       (Genesis 50,15-21)

Liebe Gemeinde,

körperlich ist das ganz einfach, wenn man sich die Hand gibt. Eine Sache von ein paar Muskeln, Nerven und Knochen: Hinstrecken, öffnen, dann zudrücken, aber nicht zu kräftig. Respektvoll. Im Prinzip kann das jeder und jede. Jemandem die Hand zu geben, das ist einfach. Kinderleicht. Einen hingehaltenen Finger zu ergreifen, das können schon Säuglinge. Und doch ist manchmal nichts schwerer als jemandem die Hand zu geben. Dem politischen Gegner. Dem Vater, mit dem man so lange nicht gesprochen hat. Der Tochter, die einst im Zorn gegangen ist.  Ein paar heftige Worte – und die Hand bleibt in der Tasche, ballt sich zur Faust.

In Hamburg erlebten wir auf dem G 20-Gipfel beides. Menschen, die einander die Hand geben. Selbst eher grimmige Naturen wie Trump oder Putin schauten dabei freundlich drein, selbst wenn sie ihr Gegenüber nicht schätzten. Und wir erlebten Menschen, die unversöhnlich einander gegenüber standen. Die den Handschlag verweigerten. Gipfelgegner, die auf die Mächtigen schimpfen. Steine flogen, Autos brannten. Eine explosive Mischung der Gefühle und der Gewalt. Hände werden ausgestreckt – werden sie zur Faust oder freundlich zur Versöhnung gereicht? 

 *

Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern ist auch eine Geschichte, wo Hände eine Hauptrolle spielen. Wo Fäuste fliegen und dann aber wieder respektvoll Hände einander berühren. Josef und seine Brüder: Das ist zunächst eine Geschichte über einen, der mehr Glück im Leben hatte als seine Brüder. Der Vater liebte Josef mehr als dessen Brüder. Der Neid der 12 anderen ist dem Erfolgreichen gewiss. So zornig sind sie auf Joseph, dass sie ihn nach Ägypten verkaufen. Was ist da alles schief gelaufen, dass die Familie zerfällt und Brüder sich so etwas Böses antun. Man kann an den eigenen schiefen Haussegen denken. Aber auch an das Haus der Erde, wo Brudervölker wie die Ukrainer und die Russen sich bekriegen. Wo benachbarte Völker wie Israel und die Palästinenser sich das Wasser abgraben. 

 Aus Geschwisterneid entstehen böse Pläne. Die Brüder werden einig, Josef verschwinden zu lassen. Sie werfen ihn in einen tiefen Brunnen. Wer darin sitzt, hat keine Chance lebend herauszukommen. Der kann aus der Tiefe nur noch zu Gott beten: Aus der Tief rufe ich zu dir, mein Gott. Rette mich!      

In manchen Zeiten fühlen wir selbst uns wie in einer solchen Grube. So eng ist der Horizont geworden, so verstellt und düster die Aussicht. Wenn Versöhnung fern ist. Die Weite und die Leichtigkeit im Leben sind verloren gegangen. Josef steckt fest in der Tiefe des Brunnens. Aber er macht eine überraschende Erfahrung: „Ihr hattet zwar Böses gegen mich im Sinn, Gott aber wendete es zum Guten,“ sagt Josef in der Rückschau. Die Bibel erzählt, dass Josef nicht in der Grube bleibt. Eine Karawane auf der Reise nach Ägypten kommt vorbei, die Brüder holen ihn aus dem Brunnen heraus und verkaufen ihn. Das klingt böse, aber ist der Anfang seiner Rettung: Gott lässt uns Menschen nicht in der Tiefe. Auch wenn uns der Tod schon sicher scheint. Es gibt eine Hand, die sich uns entgegenstreckt und uns aus der Grube hilft.

*

Vater Jakob bricht das Herz, als er von Josefs Verschwinden hört. Die Brüder flunkern Jakob vor, ein wildes Tier habe Josef zerrissen. Jakob verstummt. Zwanzig Jahre, so weiß der jüdische Midrasch, soll Jakob nicht mehr mit Gott und den Menschen gesprochen haben. Böses bleibt nicht ohne Folgen. Josef aber scheint den Fluch der bösen Tat schneller zu überwinden. Wieder unter den Lebenden, wird Josef mit auf die Reise genommen in ein ihm unbekanntes Land. Bei seiner Ankunft in Ägypten fällt Josef schnell auf die Füße. Er entwickelt Fähigkeiten als Diener, genialer Traumdeuter, als Krisenmanager in einer Hungersnot.

Außerdem ist Josef noch schön und charmant und ein Liebling der Damen. Und so verdreht Josef, von dem reichen Ägypter Potifar als Hausdiener gekauft, dessen Gattin den Kopf. Sie ist verrückt nach ihrem jungen Diener, doch der verweigert sich ihr standhaft. Aus Wut darüber lässt sie Josef ins Gefängnis werfen. Wieder ist Josef am Ende. Wieder ist er in einer Grube gelandet. „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, mein Gott!“

Doch ein zweites Mal wendet sich das Schicksal zu seinen Gunsten. Der Pharao sucht einen Traumdeuter, der ihm den Traum von den sieben mageren und den fetten Kühen deuten kann. Man erinnert sich an den Träumer Josef im Gefängnis. Der deutet den Traum im Nu und steigt auf zum Ernährungsminister, der klug genügend Korn für die kommenden sieben mageren Jahre in Scheunen anhäufen lässt. Wieder bewahrheitet sich Gottes Wort: „Gott aber wendete mein Leben zum Guten.“ Gott lässt uns Menschen nicht fallen. Josef bekommt zwei Söhne. Den einen nennt er „Menachem“, das bedeutet: „Gott hat mich vergessen lassen alle meine Leiden und das Haus meines Vaters.“ Und den zweiten Sohn nennt er „Efraim“: „Gott hat mich gedeihen lassen im Lande meines Elends.“ Doch zur Versöhnung mit den Brüdern ist es noch ein weiter Weg.

*

Am Ende steht eine Versöhnung. Brüder, die sich auf den Tod nicht leiden konnten, reichen sich die Hand. Es ist eine geheime Weisheit, dass diese Geschichte gerade heute auf dem Predigtplan steht. Wo sich in Hamburg die großen Brüder und Schwestern dieser Welt zum G 20-Gipfel treffen. Wo Hände reichlich gereicht werden. Keineswegs immer versöhnt, sondern eher neidisch einander belauernd. Versöhnung täte dieser Welt gut, damit wir es schaffen, die wichtigen Probleme dieser Erde in den Griff bekommen. Die Rettung des Klimas, die Lenkung der Flüchtlingsströme, eine neue Form der Zusammenarbeit. All das können nur versöhnte Menschen schaffen.

Am Ende stehen die Brüder mit einem Mal vor Josef, dem Ernährungsminister. Aber sie erkennen ihn nach so vielen Jahren nicht. Josef muss weinen, als er seine Brüder sieht, wie sie vor ihm auf die Knie fallen. Niemand weint einfach nur so. Alles, was in ihm an verdrängten Gefühlen sich aufgestaut hat, muss heraus. Jetzt nicht als Wut oder Rache gegen die Brüder, sondern als Trauer um so viel ungelebtes Leben. Trauer über die lange Zeit der Unversöhnlichkeit. Der Traum, den er einst träumte, er wird nun wahr: Die Brüder fallen vor ihm nieder. Doch Josef ist nicht danach, den Triumph auszukosten. Josef will nichts als endlich, endlich Versöhnung. Die Familie soll wieder vereint sein.

Menschen, die zur Versöhnung bereit sind, sind ein Segen für diese Welt. Versöhnung ist nichts für Feiglinge. Versöhnung erfordert Großmut, großen Mut. Wenn die Brüder vor Josef niederfallen, hebt die Geste auf symbolische Weise wieder auf, dass sie sich damals über ihren Bruder erhoben und ihn ins Elend gebracht haben. Doch Josef kann sich an der Geste der Brüder nicht recht erfreuen. „Steht auf!“ ruft er ihnen zu. „Ich bin doch kein Gott oder eines Gottes Vertreter, dass ihr niederfallen müsstet!“

Versöhnung ist keine Geste huldvoller Herablassung. Kein Akt der Amnestie, den sich ein Mächtiger ohnmächtigen Untertanen gegenüber erlauben könnte. Das hieße die Tränen Josefs vergessen. Was die Versöhnung Josefs betrifft, so wurzelt sie in der Demut seines Glaubens. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich zu erhalten ein großes Volk.“ Josef hat in der schuldbeladenen Geschichte einen geheimen Sinn entdeckt. Der geheime Sinn war: Das Volk Gottes sollte am Leben bleiben. Die Geschichte der Menschheit muss weitergehen! Das war des Höchsten Güte und Plan, dem die Bosheit der Brüder dienen musste wie auch Josefs Erhöhung zum Minister. Demut, das sehen wir an Josef, ist keine Schwäche, sondern das Vertrauen: Gott meint es gut mit mir, selbst da, wo er scheinbar Böses tut. Damals bei Josef und heute bei dir, in deinem Leben.

*

Den Weg der Versöhnung kann nur der gehen, der weiß: Gottes Güte geht mit durch das Leben und kann Böses in Gutes verwandeln. Für dieses Vertrauen möchte uns die Josefsgeschichte unsere Augen und unser Herz öffnen.

Der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin hat ein Gedicht geschrieben, das von Versöhnung redet, obwohl das Wort darin nicht vorkommt:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,

ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt!

Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,

achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht!

Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,

bleibe uns ein Fingerzeig, dass das Leben siegt.

Amen.

 

 

 

 

 

 
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