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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Friede sei mit euch“

Predigt zu Lukas 24,36-49

Pastor Frank Mühring       Bremen, 17.4.2017

Als sie (die Emmausjünger) aber davon redeten, trat er (Jesus) selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen.

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass der Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Von Jerusalem an seid ihr dafür Zeugen. Und siehe, ich sende auf euch, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe.  (Lukas 24,36-49)

Liebe Gemeinde!

„Aller Anfang ist schwer,“ sagt ein Sprichwort. So ist es auch mit Ostern, denke ich. Ostern ist kein leichter Spaziergang. Von wegen - allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Von wegen heiter Raum und Raum durchschreiten. Mir kommt es so vor, als sei Ostern ein Fest für alle, die zweifeln und es sich nicht leicht machen mit dem Glauben. Am Ostertag liegt noch ein Schleier über allen Dingen wie ein Morgennebel über einer Wiese. Nichts ist klar und eindeutig. Das Neue ist nur schemenhaft sichtbar. Der Engel am Grab, war das Traum oder Wirklichkeit? Die Apostel, die Emmausjünger, die Frauen am Grab Jesu wirken drei Tage nach dem Karfreitag mehr als verwirrt. Und nun? Sie trauern um Jesus, können ihn nicht vergessen. Zähle bis drei und alles ist vorbei, das können sie nicht. Gestern noch Karfreitag, heute schon Ostern? Woran soll man sich jetzt halten? An den Tod oder ans Leben?  

Der Tod ist brutal und laut. Immer reißt er die Welt ein. Sei es nun ein “eingeschlafen im seligen Alter” oder ein gewaltsamer Tod bei einem Terrorakt. Die Welt im Kleinen und im Großen ist nicht mehr die Gleiche. Denn ein Mensch fehlt. Und dort wo er oder sie fehlt, ist ein Loch, ein Leerraum, eine schreiende Stille. So ist unser menschliches Leben: Wir erleben jeden Tag kleine Tode, kleine Verluste, kleine Endspiele und müssen danach wieder aufstehen. Jeder unfriedliche Gewaltakt, den wir erleben, sei es in Dortmund, in Stockholm, in Istanbul oder woanders bringt ein Stück unserer Welt zum Einsturz. Selbst wenn wir die Namen der Opfer nicht kennen. Da hat der Tod mal wieder laut gesprochen. Das lässt sich nicht schönreden. Deswegen ist der neue Anfang schwer. Auch bei Jesus, dem Auferstandenen.  

*

Auferstehung geschieht ganz leise. Und überraschend.  Plötzlich und unerwartet, steht manchmal über den Todesanzeigen zu lesen. Genauso plötzlich und unerwartet ist das Leben wieder da. Jesus steht mitten im Raum, an jenem Tag nach Ostern in Jerusalem. Dort, wo die Jünger nach dem Karfreitag wieder zurückgegangen waren. In ihren Alltag als Fischer, Händler, Zeltmacher. Das Essen wird gerade vorbereitet. Essen hält Leib und Seele zusammen. Der Mensch muss essen, auch wenn es ihm schwer fällt. Alle Jünger sind wieder beieinander, andere dazu, auch die beiden Männer von Emmaus. Plötzlich steht Jesus mitten im Saal, tritt unter die verängstigte Schar mit einem Wort, das einen neuen Anfang setzt: „Friede sei mit euch.“

Das ist Jesu erstes Wort als Auferstandener: „Friede“. Mitten in eine unfriedliche Welt, wo es Terror, Angst und große Not gibt, spricht Jesus den Seinen Frieden zu: Schalom alechem. "Friede sei mit euch!" Ein Gruß! Jesus spricht ihn, ja er verspricht ihn und schafft ihn - den Frieden. Der Mann, der am Kreuz starb, steht auf und bringt Frieden. Der wichtigste und höchste Wert in der Heiligen Schrift ist der Friede, der Schalom. Und zwar so sehr, dass er zum täglichen Gruß geworden ist. Im Schalom, im Frieden sein und leben bedeutet für den Menschen alles, was ihm hilft, dass Leben gelingt. Friede, das meint mehr als Friedhofsruhe. Friede ist seliges, ewiges Leben ohne Angst und Gewalt. Solcher Friede lässt sich nicht machen, er ist ein reines Geschenk. Jesus öffnet den aufgewühlten Jüngern, die nach diesem Osterwochenende nicht mehr wussten, wo vorne und hinten ist, die Tür zu einer Welt des Friedens. Jesus nimmt ihre Zweifel und ihren Unglauben ernst: Sie dachten erst, das sei wohl ein Geist. Er zeigt sich aber, seine Hände und Füße, die Wunden vom Kreuz. Und er isst mit ihnen: ein Stück gebratenen Fisch, das mochte der Mann vom See Genezareth offensichtlich gern. Der gegrillte Fisch ist kein Zufall. Der Fisch ist das Zeichen der ersten Christen, mit dem sie sich einander zu erkennen gaben. Und das, was sie glaubten: Dass der Gekreuzigte der eine Sohn Gottes ist, Jesus, der Christus. Von nun an wird für die Kirche gelten: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Ostern heißt nicht nur: Jesus lebt!, sondern: Jesus ist da! Jesus kommt zu seinen Jüngern, kommt in unsere Mitte. Er schenkt uns seine Gegenwart. Er sagt: Frieden sei mit euch! Eigentlich hätte er allen Grund gehabt ganz andere Dinge zu sagen. Es wäre gut zu verstehen, wenn Jesus als erste Anrede an seine Jüngerschaft traurig und beschämt sagen würde: Na, ihr Feiglinge, Verräter, Kleingläubige: Habt ihr euch also vor den Menschen verkrochen? Habt mich im Stich gelassen und euch selbst in Sicherheit gebracht? Hätte ich mir ja denken können. Mit euch Menschen kann ich eben nichts anfangen. Doch das wäre nur die Verlängerung des Karfreitages gewesen.

*

Jesus dagegen sagt mitten unter den Seinen: „Friede sei mit euch!“ Hier passiert Vergebung. Christus fängt neu mit uns an. Das ist Auferstehung. Oft genug sind wir wie die Jünger damals. Ich sitze hinter meiner verschlossenen Tür, ich bringe mich in Sicherheit, ich bring mich nicht mehr ein. Ich fürchte, in diese sterbende und todkranke Gesellschaft hineinzurufen: Jesus lebt! Jesus aber lädt uns ein in seinen großen Frieden. Diese unfriedliche Welt, wo ihr euch in jeder Menschenmenge unbehaglich fühlt, ist noch nicht alles. Da steht noch etwas aus. Wir gehen auf eine große Friedensvision im Reich des Messias zu. Eines Tages werden Schwerter zu Pflugscharen, scharfe Bomben zu harmlosen Feuerwerkskörpern. Dann werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken liegen, wie es bei Jesaja heißt. Das ist Gottes Regierungsprogramm für uns: Damit ich auf der Welt ein Kind des Friedens bin. Das ist ein Programm für jede Kirche: Jede Kirche soll eine Friedenskirche sein, wo Menschen das erfahren können; dass es einen Gott des Friedens gibt, wo Dinge wieder heil werden können. Ostern ist auch anstrengend und macht Arbeit: Friedensarbeit. Frieden gibt es nicht zum Nulltarif. Mahatma Ghandi hat einmal gesagt: Wenn du Frieden suchst, kannst du nicht zuhause bleibt. Du musst dich auf den Weg machen durch die Orte, wo Krieg, Gewalt, Konflikte und Zerrissenheit herrschen.

Tod und Auferstehung Jesu zeigen aber auch, dass es nichts gibt, was Gott nicht wenden und verwandeln kann. Es gibt keinen Tod, der nicht ins Leben verwandelt werden kann. Keine Dunkelheit, die nicht hell werden. Keine Angst, die nicht zu Vertrauen werden. Keine Trostlosigkeit, die nicht getröstet werden kann. Keine Verlassenheit, die nicht in Geborgenheit und keine Verzweiflung, die nicht in Hoffnung verwandelt werden kann. Davon spricht Ostern: dass plötzlich und unerwartet eine Art von Leben aufbricht, die keiner für möglich gehalten hat. Ostern ereignet sich im Verborgenen, ohne Zuschauer. Es geschieht in der Stille und Tiefe der Erde - wie auch in der Stille und Tiefe in uns.

*

Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe.

Nach diesen Worten verschwindet Jesus wieder vor den Jüngern. Das Entschwinden Jesu gehört zum Osterglauben dazu. Der Auferstandene entweicht und lässt sich nicht festhalten. So ist das eben. Der Glaube ist keine Erkenntnis, die ein für alle Mal gewonnen wäre. Jesu Verschwinden gehört zum Erkennen hinzu. Wir werden weiter in einer Welt leben, wo Gott unsichtbar bleibt. Wo er nach jedem Mal, wo er sichtbar vor allen sich zeigt, auch wieder vor allen verbirgt. Dennoch bleibt etwas von ihm. Sein Friede, der gewaltiger ist als der Krieg. Sein Leben, das stärker ist der Tod.

Und wir bekommen etwas geschenkt, damit wir seine Zeugen in dieser Zeit sein können: Kraft aus der Höhe. Besser kann ich sagen, was wir Menschen heute von der Auferstehung haben. Kraft aus der Höhe.

Ostern bleibt ein Fest für Zweifler und alle, die es schwer haben im Glauben. Ein Fest für alle, die noch daran zweifeln können, dass Gemeinheiten und Unverbesserlichkeit diese Welt bestimmen und am Ende siegen werden. Keine kleine Hoffnung angesichts dessen, was steinernen Lasten noch auf uns lastet und weggewälzt werden muss.


 

Amen.

 



„Mitgenommen“

Predigt zu Lukas 23,33-49

Pastor Frank Mühring     Karfreitag, 14.4.2017

 

Als sie zu der Stelle kamen, die »Schädelstätte« genannt wird, nagelten die Soldaten Jesus ans Kreuz und mit ihm die beiden Verbrecher, den einen links von Jesus, den anderen rechts. Jesus sagte: »Vater, vergib ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun.« Dann losten die Soldaten untereinander seine Kleider aus. Das Volk stand dabei und sah bei der Hinrichtung zu. Die Ratsmitglieder verhöhnten Jesus: »Anderen hat er geholfen; jetzt soll er sich selbst helfen, wenn er wirklich der ist, den Gott uns zum Retter bestimmt hat!« Auch die Soldaten machten sich lustig über ihn. Sie gingen zu ihm hin, reichten ihm Essig und sagten: »Hilf dir selbst, wenn du wirklich der König der Juden bist!« Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht: »Dies ist der König der Juden.« Einer der Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt worden waren, beschimpfte ihn: »Bist du denn nicht der versprochene Retter? Dann hilf dir selbst und uns!« Aber der andere wies ihn zurecht und sagte: »Nimmst du Gott immer noch nicht ernst? Du bist doch genauso zum Tod verurteilt wie er, aber du bist es mit Recht. Wir beide leiden hier die Strafe, die wir verdient haben. Aber der da hat nichts Unrechtes getan!« Und zu Jesus sagte er: »Denk an mich, Jesus, wenn du deine Herrschaft antrittst!« Jesus antwortete ihm: »Ich versichere dir, du wirst noch heute mit mir im Paradies sein. Es war schon etwa zwölf Uhr mittags, da verfinsterte sich die Sonne und es wurde dunkel im ganzen Land bis um drei Uhr. Dann riss der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel mitten durch, und Jesus rief laut: »Vater, ich gebe mein Leben in deine Hände!« Mit diesen Worten starb er. Als der römische Hauptmann, der die Aufsicht hatte, dies alles geschehen sah, pries er Gott und sagte: »Wahrhaftig, dieser Mensch war unschuldig, er war ein Gerechter!« Auch all die Leute, die nur aus Schaulust zusammengelaufen waren, schlugen sich an die Brust und kehrten mitgenommen in die Stadt zurück, nachdem sie gesehen hatten, was da geschah. Alle Freunde von Jesus aber standen weit entfernt, auch die Frauen, die seit der Zeit seines Wirkens in Galiläa mit Jesus gezogen waren. Sie sahen dies alles mit an.

(Lukas 23,26-49 - Übersetzung nach der „Guten Nachricht")

Liebe Gemeinde,

eines der letzten Lieder von Leonard Cohen hieß: „You want it darker“. Du willst es dunkler haben. Das könnte man auch über den Karfreitag schreiben. Dunkler geht es kaum. Der Poet mit der tiefen, rauchigen Stimme und den sensiblen Texten ist im letzten Jahr verstorben. Ungewöhnliche Lieder sang Leonard Cohen mit Texten, die das Thema „Tod“ nicht aussparten. Vielleicht ist das Lied „You want it darker“ sein Vermächtnis an uns. In dem stillen, ruhigen Lied singt er: „Dein ist die Herrlichkeit - mein ist die Schande. Du willst es dunkler haben - dann löschen wir eben das Licht.“ Wenn Leonard Cohen Du raunte, war oft unklar, wer eigentlich gemeint war: Singt er von Gott oder einer seltsamen Geliebten? Doch als es nicht mehr dunkler, finsterer, schlicht unerträglich geht, ruft der Sänger dem unbekannten Gegenüber etwas zu. Ein Wort wie ein Lichtstrahl, das die Finsternis durchschneidet. „Hineni“. Ein hebräisches Wort. Es bedeutet: Hier bin ich, Gott. Du willst es dunkler haben. Aber hier bin ich. Hülle mich ein in dein Licht, hier bin ich!

Du willst es dunkler haben. Es gibt kein besseres Motto für den Karfreitag. Was finden sich da nicht alles für Dunkelheiten, die unsere Herzen und Sinne mitnehmen und verdüstern. Schädelstätte, was für ein Ort, um dort sein Leben zu lassen. Du willst es dunkler? Nun, Jesus wird zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt. Knastbrüder als Gefährten zum Jenseits. Das Volk und die Soldaten verhöhnen Jesus. Als seien seine Qualen nicht schwer genug. Eine Finsternis breitet sich aus über das ganze Land. Du willst es dunkler? Die Sonne verweigert ihr Scheinen und im Tempel zerreißt der Vorhang, der das Allerheiligste schützt. Hier zerreißt und zerbricht alles. Gott selber stirbt am Karfreitag mit. Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft das nicht aushält. Und sich wehrt gegen diesen stillen Feiertag mit seinen Tanzverboten. Lasst uns Spaß haben und alles Dunkle vergessen, fordert man. Man fühlt sich der Kirche moralisch hoch überlegen und hat gleich noch eine publikumswirksame, fröhliche Mission: Spaß haben rund um die Uhr.    

*

Karfreitag feiert man im Frühling, wo die Tage wieder heller werden. Doch es geht dunkel zu für alle, die dabei sind. Das Stehen unter dem Kreuz nimmt die Menschen mit, die dem Sterben Jesu zuschauen. Mitgenommen wirkt das Volk, das alldem zuschaut. Man leidet mit. Mitgenommen die Freunde von Jesus, so dass sie zu Jesus Distanz wahren und weit entfernt stehenbleiben. Bloß nicht zu nahe herankommen, lieber dem Schmerz ausweichen. Sie gleichen jenen, die immer dann, wenn es um den Tod geht, das Thema wechseln sagen: „Ach lass, uns lieber von was Netterem reden.“ Mitgenommen wirken sind aber auch die Soldaten, die ganz nah dran sind. Sie spotten über Jesus, weil es sich kaum aushalten lässt, einem lebendigen Menschen Nägel durch Hände und Füße zu treiben: „Hilf dir doch selbst, wenn du der König der Juden bist. Fahr lieber schnell auf zu deinem Vater, dann müssen wir diese Drecksarbeit nicht tun.“ Sehr, sehr mitgenommen die beiden Männer, die mit Jesus gekreuzigt werden. Und auch der römische Hauptmann, der diesen unschönen Tod über die Bühne bringen will.

Mitgenommen sind wir vom Tod. Gern redet man „letzten Tabu“. Doch es gibt wohl kaum ein Sterben, das uns unberührt und innerlich unbewegt lässt. Denken wir an den leisen, nassen Tod von über 150 Flüchtlingen aus Libyen im Mittelmeer. Manchmal ist es ein Tod in der Familie, der uns berührt und mitnimmt. Wer mitgenommen ist, dem fehlen oft die Worte. Der Tod lässt uns verstummen. Wie gleichen dann den stummen Freunden Jesu, die sich vor lauter Erschrecken ganz fern halten. Seinem Tod sieht man nicht auf ersten Blick, was er bedeutet. Er macht zunächst einmal stumm. Er macht es dunkler.

*

Und doch: Beim Sterben Jesu, wie Lukas es erzählt, ist manches anders. Da wird überraschend viel geredet und gesprochen. Es ist, als ob der Tod dieses Gerechten manchen überraschenden Lichtstrahl aufleuchten lässt. Mitgenommen werden vom Kreuz Jesu Christi, das ist der Sinn des Karfreitags. Selbst Jesus in höchster Todesnot - redet und redet. Selbst in der Passion zeigt er sich als mitfühlender Mensch. Jesus will uns mitnehmen, in seine Vergebung hinein. Selbst den gefühllosen Schergen gegenüber, die ihn ans Kreuz bringen, sagt er: »Vater, vergib ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun.« Der Gekreuzigte entschuldigt sich für seine eigenen Henker. Sie wissen wirklich nicht, was sie da machen. Dass uns aus dem Haupt voll Blut und Wunden Gottes eigenes Gesicht anblickt, das könnten sie nicht wissen. Er macht ihnen nicht einen Vorwurf. Selbst im Sterben bleibt Jesus der Helfer, der zu schuldig gewordenen Leuten spricht: Vergib ihnen.

Mitgenommen vom Sterben am Kreuz wirkt auch einer der Verbrecher, der dieselbe Strafe wie Jesus erleiden muss. Doch er versteht nicht, was da geschieht. Wie kann ein Helfer, der von Gott kommt, so hilflos und wehrlos sein. Darum schimpft er zu Jesus herüber, er möge doch irgendetwas tun. Wenn denn Gott, der Allmächtige, hinter ihm steht. Er ruft: »Bist du denn nicht der versprochene Retter? Dann hilf dir selbst und uns!« So wird Gott bis heute missverstanden. Gott muss doch dies und das tun, was ich fordere. Manch einer tritt vor Gott auf wie ein erboster Kunde, dem eine bestellte Lieferung nicht erbracht wurde. Gott arbeitet aber nicht bei „Lieferando“. Gott ist frei. Seine Sicht auf die Welt ist anders. Gott leidet den Tod Jesu ohnmächtig mit. Damit er durch seine Ohnmacht uns Sterbliche mitnehmen kann. Durch den Tod am Kreuz zieht Gott uns zu sich. Durch das Dunkel ins Licht.

Der andere Verbrecher scheint das gespürt zu haben. Er nennt Jesus den „Gerechten“, der unschuldig leidet. Und zu Jesus hin gewendet sagt er: »Denk an mich, Jesus, wenn du deine Herrschaft antrittst!« Wer denkt an uns, wenn wir leiden? Wenn wir in Not sind oder in einer Krankheit feststecken? Es sind oft diejenigen von unseren Freunden, die selbst einmal Ähnliches erlitten haben. Unsere Welt kann nur von einem Gott erlöst werden, der das Leiden kennt. Dem, der so bittet, sagt Jesus: „Ich versichere dir, du wirst noch heute mit mir im Paradies sein.“

Auch im Sterben bleibt Jesus der, der für uns Menschen bittet. Wer auf ihn im Sterben schaut, der wird selig sein. Denn was hülfe es uns Menschen, wenn wir einen allmächtigen Gott hätten, der unberührt über der Welt steht. Gott ist ein Gott, der sich mitnehmen lässt vom Leid der Menschen. Kurt Marti hat einmal gesagt: Weil Jesus am Kreuz schrie, warum Gott hast du mich verlassen, darum glaube ich ihm auch alle seine anderen Worte. Helfen kann uns nur jemand, der das Sterben und den Tod durchlitten hat. Weil Jesus am Kreuz gelitten hat, deswegen glaube ich ihm seinen Gott. Das ist einer, der mich aus der Finsternis mitnehmen kann in ein helles Licht.

*

Mitgenommen wirkt schließlich der, der sich doch von all dem nicht berühren lassen dürfte. Der römische Hauptmann, er müsste obercool bleiben. Er kann es aber nicht. Auch er wird mitgenommen, ohne dass er es will. Als er hört, dass Jesus nicht schimpfend und verzweifelt stirbt, sondern wie ein Beter, der sich nicht umstoßen lässt und spricht: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist, da sagt er:  »Wahrhaftig, dieser Mensch war unschuldig, er war ein Gerechter!« Dieser Satz knippst das Licht wieder an.. Dabei ist er kein gläubiger Mensch. Aber es scheint so, als ob er durch den Tod Jesu am Kreuz zum Glauben gefunden hat. Hier bin ich, Gott- Das ist der tiefste Sinn des Karfreitags. Jesu Tod nimmt uns mit. Er zieht uns hinein ins Helle. Gott verbirgt sich unter dem Gegenteil. In dieser dunkelsten Stunde wartet das helle Leben auf uns. Es gibt ein Leben, das der Tod nicht mehr verdüstern kann. Es gibt eine Finsternis, die wird von hellem Licht überstrahlt. Der Glaube an Jesus, den Gekreuzigten, führt ins Leben. Lass dich auch mitnehmen. Hier bin ich, Gott.

Amen.

 

 
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