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Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Gott oder Google“

Predigt zum Kirchentagssonntag zu Psalm 139

Pastor Frank Mühring          Bremen, 12.2.2017

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.  Psalm 139,13-18

Liebe Gemeinde,

Du kennst mich. Zu wem könntest Du diese drei Worte sagen? Wer ist Dir so nah, dass er oder sie viel über dich weiß? Deine Familie, deine Freunde – sie sehen dich häufig. Aber könnte ich jemandem sagen: Du kennst mich? Die Kollegen sehen mich auch häufig, fast täglich. Aber ich denke, sie vermuten mehr über mich, als dass sie mich richtig kennen. Die, die mich wirklich gut kennen, sind wenige. Ich weiß noch, wie ich beim unserem ersten Klassentreffen nach dem Abitur meine Mitschüler überrascht habe mit meiner Berufswahl. „Der Frank wird Pastor, das hätten wir nie im Leben gedacht.“ Sie kannten mich nur oberflächlich, aber nicht ganz. Jeder Mensch ist auch ein Geheimnis. 

Du kennst mich. Das könnte ich heutzutage zu meinem Computer sagen. Wenn ich durch das Internet surfe, hinterlasse ich Spuren. Google und Amazon wissen, was ich gerne mag. Sie bieten mir die neue Lutherbibel und Krimis an, aber keine seichten Liebesromane. Sie kennen mich. Sie wissen um meinen Stil und meine Vorlieben. Sie kennen schon die Urlaubsziele, wohin ich gerne reisen würde. Man könnte ohne Übertreibung sagen: Google, Du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so sieht mich dein Auge. Nichts bleibt dir verborgen, Google. Von allen Seiten umgibst du mich. Du schaust in mein Herz. Für dich ist es nur ein paar Mausklicks entfernt.

Gott oder Google. Wer steuert eigentlich meine Welt? Wer liest meine Gedanken von ferne? Gott und Google. Beide fangen mit G an. Gott aber kann nur einer sein. Wer von beiden kennt mich wirklich Gott?  

*

Du kennst mich nicht. Und das ist gut so. Es gibt ein Recht darauf, dass wir im Innersten unbekannt bleiben. Mit Freude erinnere ich einen Hausbesuch bei einem Konfirmanden. An der Tür zum Jugendzimmer fand sich das Schild: „Zutritt verboten für Besserwisser, Spione, Spaßbremsen, Miesmacher und für meine liebe, neugierigen Eltern“.  

Jedes Kind kennt die berühmte Parole: „Big brother is watching you“ aus dem Buch „1984“ von George. Orwell Der große Bruder sieht dich, überall wo du bist. Vor ihm gibt es kein Entrinnen. Er kennt dein Innerstes und überwacht dich total. Das Buch verkauft sich derzeit wieder blendend. Eine düstere Zukunftsvision. Die Überwachung ist total, selbst Gedanken werden kontrolliert. Der Einzelne hat keine Privatsphäre mehr. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Eine schreckliche Vision. Viele Menschen sehen mit Google die Vision vom versklavten modernen Menschen verwirklicht. Ist Gott auch so? Dass er uns ausforscht bis ins Innerste? „Gott sieht alles.“

„Big brother“ mag vielleicht allwissend sein. Er kennt dich genau. Eines kann das Netz nicht: Lieben. Google kann rechnen, berechnen und dich ausrechnen. Dein Herz gewinnen kann Google nicht.

*

Wer also ist Gott? In echt, in Wirklichkeit? Unser Psalm antwortet auf genau diese Frage, auch wenn er aus längst vergangener Zeit stammt. Aber der Psalm dreht die Frage um. Du siehst Gott nicht. Du wirst ihn niemals sehen, von Angesicht zu Angesicht. Aber Gott sieht dich. Gott sieht dich an, so wie du bist. Doch ganz anders als Google es tut. Dieser Gott der Bibel rechnet nicht, im Gegenteil. Wenn er dich ausrechnen würde, dann würde eine hübsche Summe von Sünden und Unregelmäßigkeiten zusammenkommen. Denn so großartig, wie wir uns selbst vor anderen darstellen, sind wir ja in Wahrheit nicht. Wenn Gott uns ausrechnen müsste, dann wären wir keineswegs liebenswürdige Wesen. Keine Lichtgestalten, sondern durchmischt mit vielen dunklen Stellen, Fehlern und Runzeln.

Gott aber schaut dich an wie ein Vater stolz auf sein erstgeborenes Kind blickt. Er guckt nicht auf die Fehler, er sieht das Schöne. Er freut sich, wie schön dieses Menschenkind ist. Er sieht die Möglichkeiten, die in dir sind. Die noch schlummern, aber eines Tages heraus kommen. Du siehst mich, Gott, wie ich bin. Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar, so findet mich Gott. noch bevor ich etwas tue und tun werde. Gott sieht mich und übersieht mich nicht.

„El Ro‘i“ – „Gott, der mich anschaut“ -  das ist eine der ältesten Gottesbezeichnungen des Alten Testaments. Du siehst Gott nicht, aber er schaut dich an. Gott hat Israel in der Sklaverei gesehen. Er hat ihre Schreie der Bedrängnis gehört. Auf der Flucht durch die Wüste spricht Gott die Israeliten an. Wer sind sie schon – Sklaven, die ihrem Herrn entlaufen sind. Dennoch sieht Gott sie an, wendet sich den Menschen zu. Gott annulliert Israels Versklavung nicht mit einem Federstrich. Es ist ein langer Marsch bis zur Freiheit. Unterwegs scheint das gelobte Land unendlich fern. Nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung. Aber für Israel ist Gottes Sehen dennoch ein Schlüsselereignis: Gott nimmt sie persönlich wahr!

*

Der echte Gott rechnet nicht mit unseren Sünden. Er berechnet uns nicht nach den Spuren, die wir im Netz auf den Seiten hinterlassen. Ein liebender, wohlwollender Gott ist er. Nur eins fordert er: dass wir ihn auch ernst nehmen. Dass wir ihn entdecken als die „andere“ Realität, die uns umgibt. 

Menschenkenner, das ist Gott. Und Herzenskenner. „Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde“? Gebildet in der Erde, so wie Adam gemacht wurde aus Erde vom Acker, eine Wiederholung der Schöpfung des ersten Menschen. Was macht es mit einem Menschen, wenn er betet: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin“?

Mir tun diese Worte gut. Sie sagen: Du bist gewollt. Du bist einzigartig. Und das macht etwas mit mir. Wenn ich unzufrieden bin mit mir selber, wenn ich mich selbst nicht verstehe, dann sagen sie: Gott kennt dich, durch und durch, hat dich schon immer gekannt, hat dich erdacht, gebildet, wunderbar gemacht. Wenn ich mich frage, wie ich den morgigen Tag durchstehen soll, dann spricht mir der Psalm zu: Alle Tage deines Lebens waren schon aufgeschrieben im Buch des Lebens, noch bevor du das Licht der Welt erblickt hast. Also auch der Tag, der schwer auf deiner Seele drückt. Für mich strahlen die Verse aus dem 139. Psalm Geborgenheit aus. Sie vermitteln mir Zuversicht. Sie stärken mich.

*

Zugegeben: Lange wurde der Psalm auch dazu missbraucht, ein Bild von Gott als Aufseher zu zeichnen, als Inspekteur, der alles sieht, als „Big brother“ auch im Verborgenen, der beobachtet und spioniert. Auch der Psalmbeter ist sich nicht ganz sicher, ob Gott ihm mit seiner Nähe nicht zu sehr auf den Leib rückt: „Wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?“ (Ps 139,7b). Es fühlt sich ambivalent an: Ich möchte vor fremden, durchdringenden Blicken geschützt sein, obwohl ich gleichzeitig gesehen werden möchte, wahrgenommen, in dem, was ich tue und was ich bin.

Gott, du kennst mich. Jeder Mensch braucht dieses An-sehen. In unserer Massengesellschaft gibt es viel Einsamkeit. Der Einzelne wird oft über-sehen. Es gibt viel stilles Leiden. Wahrgenommen und beachtet zu werden, ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. „Deine Augen sahen mich“. Gottes Augen sahen mich und dich und dich. Jeden und jede einzelne von uns, als sie noch nicht gemacht war, als sie noch unfertig war. Gott schaut uns an – und wir werden. Wir sind im Werden. Unser Glauben ist im Werden. So ist Gottes Blick: Er schaut uns voll Liebe an – und wir werden. Sein liebender Blick ist sein schöpferischer Blick. Gott sieht, wer wir sind, nimmt uns als Einzelexemplar wahr. Kennt unsere dunklen und hellen Seiten. Er macht und achtet Herz und Nieren, das Innerste und das Geheimnis des Menschen. Er sieht Leib und Seele, das Unfertige und die Bewegung. Er sieht, was nicht ist, was sein könnte und sein sollte, was sein muss und was sein wird (vgl. 1.Joh 3,2; 1.Kor 13,12). Gottes Blick sieht, was noch möglich ist. Und das mag ich so an ihm. So ist mein Gott.

*

Du siehst mich. Wer angesehen ist, sieht auch in andere mehr. Sieht in dem behinderten Mann die tapfere Seele finden. In der schwachen Frau die Stärke. Glaube sieht. In dem verletzlichen Kind – den Retter der Welt sehen, im Gekreuzigten – den Erhöhten, in der Ohnmacht – die Macht Gottes. Sieht in der Familie aus dem Nahen Osten nicht nur die Hilfesuchenden sehen – sondern Mitbürger, Nachbarn, Freunde, Menschen eben. Wo mit Liebe hingesehen wird, da verändert sich etwas. Da entsteht etwas. Gottes liebender Blick ist der schöpferische.

Am Ende bin ich noch immer bei Gott. Sagt der Psalm. Am Ende werde ich erkennen, wie ich von ihm erkannt bin. Gott sieht mich. Und dich. Gott sei Dank.

Amen.


 
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